Autor: Heike Brandl

  • Late Talker: Übungen für verzögerte Sprachentwicklung

    Late Talker: Übungen für verzögerte Sprachentwicklung

    Kinder, mit denen ich in meiner heilpädagogischen Praxis arbeite, haben häufig eine Entwicklungsverzögerung im Bereich der Sprache. Bei manchen dreht es sich um den aktiven Wortschatz, Satzbau und Grammatik, bei anderen auch um das Sprachverständnis. Noch deutlicher wird es, wenn Kinder erst gar nicht mit dem Sprechen zu beginnen scheinen. Ich gebe dir zahlreiche Tipps, um bei verzögerter Sprachentwicklung schon heute etwas zu tun.

    Late Talker nennt man Kinder, die mit 24 Monaten weniger als 50 Wörterund Zweiwortsätze sprechen können. Schauen wir genauer hin, fällt oft auf, dass das Kind auch Schwierigkeiten hat, mit den Eltern oder anderen Personen in Kontakt zu treten, der Blickkontakt schwach ausgeprägt ist, das Kind wenig Interesse am Austausch, an der Interaktion hat. Vielleicht trifft auch nur einer dieser Punkte zu.

    Möglicherweise bekommst du in einem halben Jahr einen Termin zur Diagnostik und dann wird vielleicht eine Ursache benannt. Anstatt so lange zu warten, kannst du schon heute damit beginnen, eure Interaktion weiterzuentwickeln. Denn: Kleine Schritte bewirken große Fortschritte. Nutze meine Strategien zur Förderung der Sprachentwicklung bei Kleinkindern

    Late Talker Übungen: Basis-Strategien für Interaktion im Alltag

    • Zum Dialog gehören immer zwei: Wird das Kind permanent mit Sprache überschüttet, fühlt es sich nicht mehr angesprochen, ignoriert das Gerede. Im Gespräch ergeben sich also z.B. Frage und Antwort, Erzählung und Rückfrage oder auch Signale durch Mimik, Gestik, Handlung.
    • Warte ab: Mache Pausen und gib dem Kind Zeit zum Reagieren.
    • Hole den Blick des Kindes ab: Versuche, Blickkontakt zu bekommen, begib dich auf Augenhöhe und reagiere bei Erfolg mit einem Lächeln – ohne Lob.
    • Rege die Kommunikation an bzw. erhalte sie aufrecht, z.B. durch deutliche Mimik oder Tonfall.
    • Geteilte Aufmerksamkeit: Beschäftige dich mit dem, was das Kind gerade tut.
    • Nachahmung: Greife kindliche Laute, Mimik, Gestik auf und ergänze sie mit einfachen Worten.
    • Passe deine Komplexität der Sprache an das Sprachverständnisniveau des Kindes an.
    • Nutze kurze, einfache Sätze:
      Beispiel:
      Anstatt „Kannst/Könntest/Würdest du mir … geben?“ sondern „Gib mir …!“
    • Es geht weniger um Begriffe für Gegenstände, sondern um Funktionen, die für das Kind im Alltag wichtig sind: auf/zu – laufen/kochen/umrühren/ …  – hoch/runter – rein/raus
      Beispiel:
      Anstatt „Du tobst auf dem Trampolin.“
      lieber „Du hüpfst. Hüpfen macht Spaß.“
    • Passe deine Sprachgeschwindigkeit an und nimm das Tempo raus. Dann kann das Kind dir leichter folgen.
    • Modelliere kindliche Äußerungen: wiederhole, erweitere, forme um in sinnvollen kommunikativen Sätzen. Das ist eine Technik aus der alltagsintegrierten Sprachförderung.
      Beispiel:
      Anstatt: „Das heißt Korb.“
      lieber „Ich brauche den Korb. Gib mir den Korb.“
    • Fördere Wiederholungen: Das Kind braucht unzählige sprachliche und Handlungswiederholungen, um beides in Verbindung zu bringen.
    • Setze Gesten ein: Wenn das Kind aufmerksam ist, zeige selbst und verbinde mit dem Wort. Bei der Logopädin Wiebke Schomaker findest du eine einfache Anleitung für Babygebärden.
      Beispiele:
      –  winken – tschüss
      – Klatschen – bravo oder gut gemacht
      – Daumen hoch – richtig (z.B. wenn es etwas aufhebt oder aufräumt)
      – Offene Hand – gib mir
      – Offene Hand nach vorne – Stopp
    • Fragen: Stelle nur Fragen mit kommunikativem oder spielerischen Sinn.
    • Nutze klare, eindeutige Formulierungen anstatt Verneinungen.
      Beispiele:
      Anstatt „Keine Bücher ausräumen.“
      lieber: „Stopp! Die Bücher bleiben im Regal.“
      Anstatt „Nicht auf den Tisch klettern.“

      lieber: „Bleib unten!“
    Late Talker; Tipps verzögerte Sprachentwicklung

    Übungen für mehr Aufmerksamkeit

    • Benutze den Namen, wenn der Blickkontakt schon da ist.
    • Mache nach dem Namen eine kurze Pause, gib dem Kind Zeit dazu, Kontakt herzustellen.
    • Bilde kurze, einfache Sätze handlungsbegleitend, z.B. beim Wickeln, und lege immer wieder Pausen ein, um dem Kind eine Reaktionsmöglichkeit zu geben.
    • Lass dich nicht entmutigen, wenn es auf den Namen nicht reagiert oder keinen Blickkontakt herstellt. Mach nach zwei Versuchen eine Pause. Probiere es aufs Neue, evtl. mit Körperkontakt oder Änderung der Stimmlage.
    • Gib dem Kind die Gelegenheit zur Vorfreude, z.B. bevor du es hochnimmst, ihm das Essen gibst. Wecke Interesse für das, was um es herum passiert.
    • Zeige dem Kind, dass du dich freust, wenn es dich anschaut oder auf deine Stimme reagiert. Das Kind braucht die positive Konsequenz, um zu erleben, Interaktion macht Sinn. Verzichte dabei bitte auf „toll, klasse, …“. Lächeln, Nicken, Körperkontakt ist wertvoller. Mehr Tipps dazu gibt es in meinem PDF „Wertschätzen statt Loben“.
    • Reagiere auf alle Lautäußerungen des Kindes, auch zufällige. Erwidere sie, imitiere sie, erweitere sie. Das ist eine gute Grundlage für das wechselseitige Handeln.
    • Punkte, die für alle Kinder gelten, liest du in diesem Artikel: „Wie erreiche ich mehr Aufmerksamkeit bei meinem Kind?“ Hier findest du auch einige Fragen für deine Reflexion.

    Interaktions-Übungen zum Mitmachen

    Nutze Gelegenheiten im Alltag und beim Spiel. Reagiere auf Lautäußerungen oder eine (auch zufällige) interaktive Handlung mit einer passenden Antwort: Wenn das Kind klatscht, klatsche auch …

    Probiere beim Spielen aus, etwas abwechselnd zu tun:

    • Ein Baustein ich, ein Baustein du …
    • Eine Kuh stelle ich auf, eine du …
    • Beim in die Dose stecken: einmal ich, einmal du …
    • Beim Planschen in der Wanne, einmal ich … (Pause machen)
    • Beim Teddy streicheln
    • Beim Geräusche machen (mit Mund oder Gegenständen)
    • An die Tür klopfen
    • Aus einer Tasse trinken
    • Gesicht hinter den Händen verstecken
    • Stein ins Wasser fallen lassen
    • Papa kitzeln …
    • Kussbewegung mit den Lippen
    • Zunge zwischen den Lippen bewegen
    • „Pst“ mit Finger auf den Lippen
    • und natürlich mit Lauten: Ah, oh, ih
    • und Geräuschen von Tieren oder Fahrzeugen

    Das sind ziemlich viele Tipps für Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung. Bitte mach daraus keine Therapiestunden, sondern entdecke die Möglichkeiten, die sich dadurch im Laufe des Tages oder der Woche ergeben. Kinder (und Erwachsene übrigens auch) lernen leichter, wenn sie sicher und wohlfühlen, Grundbedürfnisse befriedigt sind und das ganze mit Spaß geschieht.

    Brauchst du mehr Unterstützung? Dann nimm gerne mit mir Kontakt auf.

  • Monatsrückblick November 2023 – Die Entdeckung der Langsamkeit

    Monatsrückblick November 2023 – Die Entdeckung der Langsamkeit

    Der November begann mit einer heftigen Bronchitis, die mich zwei Wochen zu Hause hielt. Leichte Büroarbeit und Videos meiner Weiterbildung zur S-O-S Trainerin anschauen, das war in der zweiten Woche möglich. Danach ging ich zwar auch wieder auswärts arbeiten, sprich Vortrag halten und in die Kitas zur Einzelintegration, doch so richtig fit fühlte ich mich den ganzen November nicht. Stimme angekratzt, Husten, dann noch Schnupfen. Kein Sport – nur leichte Spaziergänge, Gymnastik und Yoga, sonst hätte ich das gar nicht ausgehalten.

    Mit Beharrlichkeit vorwärtskommen

    Passend zum krank sein kam mir eben dieser Titel in den Sinn „Die Entdeckung der Langsamkeit„, ein 1983 erschienener Roman von Sten Nadolny. Nadolny schreibt über den Polarforscher John Franklin, der trotz Langsamkeit aufgrund seiner Beharrlichkeit zum großen Entdecker wurde. Lange hatte ich das Buch nicht in der Hand, doch kommt mir der Titel gerade stimmig vor.

    Auf Instagram und Co werden die tollsten Umsatzversprechen mit den simpelsten Methoden versprochen, doch ich sehe diese Ergebnisse praktisch nie bei echten Menschen – oder nur um den Preis zumindest mal merkwürdiger Geschäftsgebaren. Im wahren Leben bedeutet „vorwärtskommen“ einfach Arbeit, und das mit großer Beharrlichkeit. Übrigens ist das einer meiner Werte.

    Was denn vorwärtskam bei mir, willst du endlich wissen? Ich beobachte und notiere z.B. wie oft meine Website in Suchmaschinen erscheint und geklickt wird, wie viel Newsletter-Abonnent:innen ich habe und wie sich das überall auf den sozialen Netzwerken verhält. Und ich bin sehr erfreut über die Entwicklung meiner Website. Eine Zunahme von über 50 % an Klicks zum Vormonat ist schon was. Kann ich mir wünschen, dass das monatlich so weitergeht?

    Außerdem habe ich zwei neue Aufträge für Einzelintegrations-Maßnahmen in Kitas ab Januar, musste eine sogar ablehnen. Ich werde nächste Woche ein neues Frühförderkind beginnen und bekam einen kleinen Auftrag für ein Team-Coaching.

    Dosierte Weiterbildung

    Die Weiterbildung S-O-S Training nach Kati Bohnet bietet eine Menge Input, Selbstlernvideos, Skripte, Live-Veranstaltungen für Fragen, eine Übungsgruppe mit ein paar Kolleginnen. Dazu noch optional Übungen für die eigene Stressregulation und weitere Wissens- und Reflexionsworkshops.

    Ich merkte im November während meiner Krankheitsphase, dass es wichtig ist, für mich selbst gut zu dosieren, wann und wie viel ich aufnehmen kann, verarbeiten und verinnerlichen kann. Wo es passte, gab ich gleich Übungen und Wissen in Elterngesprächen und bei meiner Arbeit in der Kita weiter. Und ich merke täglich: Es ist so hilfreich.

    Was sonst noch so los war im November 2023

    • Vortrag Erziehen ohne Strafen an der VHS Marktheidenfeld: Aufmerksame Eltern und Großeltern waren offen für meine Impulse und Anregungen zur Reflexion der eigenen Haltung und Sprache im Umgang mit den Kindern.
    • Europaen Outdoor Film Festival Aschaffenburg: Spannende und aufregende Geschichten bildgewaltig erzählt. Das werden wir bestimmt im nächsten Jahr wieder besuchen.
    • Klassentreffen 1. Klasse und 10. Klasse in meiner früheren Heimat: Mit meinen Mädels aus der 10. Klasse war ich dank regelmäßiger Treffen vertraut und freute mich, sie gesund und munter wiederzusehen. Unsere alte Kloster-Mädchenrealschule ist dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Wir durften ein modernes, Jungs-offenes Gebäude und das zugehörige Schulkonzept kennenlernen.
      Die früheren Mitschüler:innen aus der ersten Klasse kannte ich tatsächlich nicht mehr alle, wir hatten einen unterhaltsamen Abend.
    • Familientreffen: Meine Schwägerin feierte ihren 70. Geburtstag und wir konnten bei der Gelegenheit schon den ersten Weihnachtsmarkt (in Schwäbisch Gmünd) besuchen.

    Meine Blogartikel vom November 2023

    Ausblick Dezember 2023

    • Zwei neue Kunden bzw. Klienten
    • Jahresrückblick bloggen mit Judith Peters
    • an einigen E-Mail-Adventskalendern teilnehmen
    • Präsenztreffen unserer Übungsgruppe für das S-O-S Training
    • Advent feiern: Gottesdienste, Konzerte, Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte besuchen
    • Koch-Aktion in der Kirchengemeinde
    • ein Ski-Wochenende
    • Große Geburtstagsfeier für meinen Mann
    • Weihnachten mit der Familie
  • 10 Sätze, die du an Weihnachten besser nicht  sagst

    10 Sätze, die du an Weihnachten besser nicht sagst

    zuletzt überarbeitet:

    „Früher war mehr Lametta.“ oder „Kann man das umtauschen?“ – Loriot lässt grüßen. War es dir auch schon mal peinlich oder unangenehm, wenn das Geschenk, der Besuch oder das Essen mit merkwürdigen Sprüchen kommentiert wurden? Ich habe 10 unpassende Sätze für Weihnachten gesammelt und gebe dir Tipps für wohlwollende und wertschätzende Gespräche an der Festtagstafel.

    Nun, dein Gegenüber kannst du eh nicht ändern. Also beginne bei dir selbst und geh mit gutem Beispiel voran. Falls du jemanden kennst, der sich deiner Meinung nach mal über seine Kommentare Gedanken machen sollte, schick die Person gerne zu mir – oder leite ihr diesen Artikel zu. Ganz dezent und mit einem Augenzwinkern natürlich.

    Info Box – Leichte Sprache

    Weihnachten führt oft zu Streit.
    In diesem Text zeige ich 10 Sätze, die an Weihnachten nicht gut sind.
    Ich erkläre auch, warum diese Sätze schlecht sind.
    Dann bekommst du Tipps für gute Sprache.
    Mit guter Sprache werden Gespräche freundlich.
    So kann das Fest für alle schön werden.

    „Huch, was ist das denn für eine furchtbare Farbe?“

    Egal ob Socken, Gießkanne oder Kunstdruck – das Wort „furchtbar“ im Zusammenhang mit Geschenk ist unpassend. Zum Fürchten gewissermaßen.

    Was kannst du stattdessen sagen?

    „Oh, eine pinkfarbene Gießkanne. Ich danke dir. Du hast dir sicherlich was dabei gedacht. Erzähl!“

    Und nach einem hoffentlich humorvollen Gespräch entscheide je nach Tiefe eurer Verbindung und wie wichtig das für dich ist, wie du weiter vorgehst. Du kannst freundlich und offen signalisieren, dass du die Mühe des Schenkenden schätzt, das nun aber absolut nicht dein Geschmack ist. Dann gib ihm gerne auch einen Tipp, wie er dir beim nächsten Mal eine echte Freude machen kann.

    „Willst du nicht doch von der Gans probieren, wenigstens ein bisschen?“

    Ernährung ist heute ein großes Thema in Familien. Es kann knifflig werden, wenn da Veganerinnen, Menschen mit Glutenunverträglichkeit, Nussallergikerinnen und Traditionalisten aufeinander treffen. Alle haben ihre guten Gründe für eine bestimmte Essensform.

    Es ist wertschätzend, das einfach zu respektieren. Eine mögliche Lösung ist, dass alle etwas zu einem großen Buffet beitragen. Schafft ihr es, euch im Vorfeld darüber friedlich abzusprechen? Ich wünsche dir gutes Gelingen.

    „Aber das wär doch nicht nötig gewesen.“

    Ja, wahrscheinlich hast du keine echte Not. Insofern wäre es nicht nötig gewesen. Doch da hat sich jemand über dich Gedanken gemacht und dir etwas geschenkt. Jemand will dir eine Freude machen. Kannst du das einfach annehmen?

    Was kannst du stattdessen sagen?

    „Ich danke dir.“

    Weihnachtliche Deko, Kerze: Fettnäpfchen - 10 Sätze, die du an Weihnachten besser nicht sagst

    „Können sich eure Kinder nicht wenigstens beim Essen benehmen?“

    Falls du in der Rolle der Oma bist, ist hier erstmal die Frage: Was genau bedeutet „benehmen“ für dich und was für deine Kinder? Falls du in einer anderen Rolle bist, passe das bitte selbständig an.

    Prüfe, ob deine Erwartungen dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechen. Dreijährige können während eines mehrgängigen Menüs nicht zwei Stunden stillsitzen. Selbst 12-Jährigen wird das zu langweilig. Bereite lieber im Vorfeld Beschäftigungsmöglichkeiten für die Enkelkinder vor. Und halte die „Sitzeinheiten“ für alle kurz. Dem Enkelkind ist der Weihnachtsbraten vermutlich egal, es würde viel lieber mit dir spielen.

    Vielleicht findet sich während des gemeinsamen Spaziergangs eine Gelegenheit, über die Erziehung der Kinder zu sprechen. Verzichte dann auf Belehrungen und Ratschläge. Stelle Fragen, lass dir erklären und hör genau hin.

    In meinem Artikel über stressfreie Weihnachten mit Kindern findest du noch mehr Tipps.

    „Na, wie weit ist denn das Studium?“

    Ich stelle mir die Situation an der gedeckten Tafel vor, während alle erwartungsvoll auf die ewige Studentin blicken. Betretenes Schweigen, lavieren um Schwierigkeiten, Halbwahrheiten und Ausreden. Willst du die gefragte Person wirklich in diese peinliche Lage bringen?

    Wer nicht von selbst darauf zu sprechen kommt, hat wahrscheinlich einen guten Grund. Dann ist ein Gespräch unter vier Augen angebracht. Dabei kannst du dennoch auf die oben genannte Frage verzichten. Frage lieber, ob der/die Studierende mit dir darüber sprechen mag. Und wenn du in der Rolle der Geldgeberin bist und meinst ein Recht auf Information zu haben, dann benenne dein Bedürfnis. Formuliere eine Bitte und bleibe wertschätzend und klar.

    Wie du von destruktiver zu konstruktiver Kritik kommst, erfährst du in einem weiteren Artikel von mir.

    „Willst du das Baby schon wieder stillen?“

    Vorab: Baby kann man nicht verwöhnen und sie schreien zu lassen ist weder pädagogisch noch psychologisch sinnvoll. Darüber gibt es genug wissenschaftliche Untersuchungen. Nur weil du das anders gemacht hast oder weil unsere Mütter nach Plan gestillt haben und wir das überlebt haben, heißt es ja nicht, dass es gut war.

    Lass dir erklären, was bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet. Und ja, das ist anstrengend. Manchmal vergessen die jungen Mütter dabei ihre eigenen Bedürfnisse. Frag sie lieber, ob du sie entlasten kannst, wenn es dir möglich ist.

    „Du hast aber echt ein bisschen zugenommen.“

    Gegenfrage: Würdest du das gefragt werden wollen?

    Alte Sprichwörter sind oft voller Weisheit: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ – Das gilt für Fragen und Kommentare aller Art.

    „Wir sehen uns ja so selten …!“

    Manchmal ist es den Besucher*innen auch unangenehm, dass sie sich selten gemeldet haben oder den Besuch lange aufgeschoben haben. Das Leben ist einfach turbulent.

    Was bringt es jedoch, über das Vergangene zu lamentieren? Wie wäre es, wenn du dich einfach freust, dass dein*e Besucher*in jetzt da ist. Zeig ihr oder ihm, dass sie/er herzlich willkommen ist.

    „Bleib doch noch ein bisschen!“

    Wer satt ist, ist satt und wer müde ist, ist müde. Punkt.

    Besuchsmarathon, unzählige Gespräche, viel zu essen und zu trinken, Reizüberflutung, zu wenig Bewegung.

    Noch ein Sprichwort: „Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Verzichte darauf, andere zu etwas zu überreden. Danke stattdessen für den Besuch.

    „Na, wann gibt es denn nun endlich Nachwuchs?“

    Siehe Punkt 5. und Punkt 7. Erinnere dich, ob du das mal gefragt wurdest und wie du dich dann gefühlt hast.

    Familienplanung ist etwas sehr Persönliches. Lass es einfach. Wer will, wird schon von selbst darauf zu sprechen kommen.

    Fazit

    Nun kennst du 10 unpassende Sätze zu Weihnachten. Vermeide sie und umgehe damit leicht die größten Fettnäpfchen und Peinlichkeiten. Ich wünsche dir und deinen Lieben angenehme und wertschätzende Gespräche zu Weihnachten.

  • Monatsrückblick Oktober 2023 – Neues entdecken

    Monatsrückblick Oktober 2023 – Neues entdecken

    Neue Wege entdecken, lautet mein Jahresmotto 2023. Das kam mir beim Schreiben hier mal wieder in den Sinn. Denn es findet sich in einigem wieder, was ich rückblickend aufgeschrieben habe: neue Wege beim Lernen, im Workflow im Hintergrund, beim Begleiten von Teenies und weiteren Ausflügen. Bin ich etwa ein „Neues-Junkie“? Nein, sicher nicht. Ich liebe auch das vertraute, das zu Hause. Nur mit der sicheren Basis habe ich Freude daran, neues zu entdecken.

    Weiterbildung S-O-S Training

    Die Weiterbildung S-O-S Training hat begonnen. Mit über 100 Teilnehmenden live online und einem großen Fundus an Selbstlernvideos mit neurobiologischem Hintergrundwissen. Da habe ich bis auf Weiteres gut zu tun. Dazu kommt eine Peer-Gruppe mit zwei weiteren Frauen. Wir treffen uns zum gemeinsamen Üben, Anleiten und Austausch, erstmal online, später auch in Präsenz.

    Ergänzend gibt es noch im Rahmen der Mitgliedschaft in der Community weitere Themen in Form von Live-Webinaren, Übungstools, Selbsterfahrungsmodulen. Ganz passend für mich ist zurzeit die Reihe „Lets talk about Kommunikation“. Hier geht es um Nervensystem und Kommunikation, (Über-)Lebensimpulse in der Kommunikation, Kommunikations-Konstellationen, Vorbereitung auf schwierige Gespräche, Reparieren von schief gelaufenen Gesprächen.

    System und Ordnung in Workflows

    Mit einer Challenge bei Claudia Kauscheder namens „Home Sweet Office“ habe ich einige wertvolle Tipps und Tools zur besseren Ordnung und Systematik bekommen.

    • Ich habe meinen Download-Ordner radikal von Altlasten befreit – und das nun jeden Freitag auf der To-do-Liste.
    • Eine Freitags-Checkliste habe ich auch erstellt, mit Blick auf die Aufgaben der vergangenen und der kommenden Woche.
    • Ich habe meinen Desktop ganz neu kennen und schätzen gelernt und schick aufbereitet. Der war vorher nicht voll, sondern schlicht und einfach ungenutzt.
    • Über Trello habe ich eine ganze Menge nützliches gelernt, zum Beispiel die Möglichkeit verschiedener Arbeitsbereiche. Und ich habe mir schon mal einen Arbeitsbereich „Privat“ angelegt, mit neuen Boards, um hier die Funktionen auszuprobieren.

    Unabhängig davon habe ich mir für Pinterest einen vernünftigen Workflow erarbeitet. Dadurch ist es mir gelungen, im Oktober über 50 Pins zu erstellen und die Zahlen stabil zu halten. Damit bin ich jedoch noch nicht zufrieden, denn die Interaktionen sind noch zu mies. Da gibt es also Luft nach oben und ich werden die Texte nochmal in den Blick nehmen.

    Screeshot eines Desktops
    So sah mein Desktop kurz nach der Neugestaltung aus.

    Was sonst noch los war im Oktober 2023

    • Begleitung einer Jugendfreizeit mit der Kirchengemeinde: Schon sehr lange habe ich nicht mehr mit Teenies gearbeitet. Es war ein schöner Einblick in Denken, Glauben und Verhalten der 11- bis 13-jährigen, die sich auf ihre Konfirmation vorbereiten.
    • Geburtstag: Gerade rechtzeitig kamen unser Sohn und mein Mann von einer Reise in die USA und Kanada zurück. Unser Sohn nahm dort an zwei MTB Weltcups teil. Mein Mann betreute einen Teil des Teams. Am Geburtstag selbst freute ich mich außerdem über den Besuch unserer Tochter und ihres Mannes. Einen Tag später feierte ich noch mit etlichen Freunden. Für all das bin ich sehr dankbar.
    • Ein sportlicher Ausflug mit dem Radverein führte uns über Stock und Stein in den südlichsten Zipfel des Spessarts, wo wir uns erst noch auf dem Aussichtsturm die Blicke bis Frankfurt schweifen ließen. Danach gab es die größten Tortenstücke, die ich je gesehen (und verdrückt) habe.
    • Ein weiterer erlebnisreicher Ausflug mit dem Kirchenvorstand führte uns in den nördlichen Odenwald nach Schloss Reichenberg. Hier nahmen wir im Erfahrungsfeld „Neues Leben in alten Mauern“ an einem Programm aus Erlebnispädagogik, Geschichte und Religionspädagogik teil. Bei einer Team-Building-Aufgabe beeindruckten wir den uns begleitenden Pädagogen: Wir waren die schnellsten, mit denen er die Aufgabe bisher angegangen war.
    • Rudel-Singen in Aschaffenburg: zwei stehen auf der Bühne, mitreißende Songs, Texte an die Wand und alle singen gemeinsam – Ich liebe es.
    • Improtheater-Festival Würzburg: ein sehr origineller und unterhaltsamer Wettbewerb von Improtheater-Künstler:innen.
    • Große Herbstwanderung mit Freunden
    • Main-Lit-Festival Würzburg: eine musikalische Zeitreise mit Wolfgang Niedecken von BAP zu Bob Dylan
    • und nochmal Main-Lit-Festival: ein weiterer musikalischer Hochgenuss mit Tiefgang – Harald Lesch „Die vier Jahreszeiten im Klimawandel“ gemeinsam mit dem Merlin Ensemble Wien
    Familie
    Mit Maximilian und Daniela an meinem Geburtstag.
    MTB-Fahrer bei Pause im Spessart
    Auch Sportler brauchen mal eine Rast.
    Heike und Thomas Brandl auf Aussichtsturm Geißhöhe
    Auf der Geißhöhe bei Dammbach
    Sehr großes Tortenstück auf Kuchenteller
    Der Kuchenteller hat eine handelsübliche Größe.
    Publikum, Sänger, Leinwand mit Liedtext
    So sieht es beim Rudelsingen aus.
    Steinerne Eidechse, Detail auf Burgmauer
    Sogar steinerne Eidechsen gab es auf Schloss Reichenberg.
    Wolfgang Niedecken auf Bühne in Veitshöchheim
    Wolfgang Niedecken in Veitshöchheim

    Meine Blogartikel vom Oktober 2023

    Ausblick November 2023

    • VHS Vortrag „Kindern Grenzen setzen ohne Strafen“
    • Europaen Outdoor Film Festival Aschaffenburg
    • Klassentreffen 1. Klasse und 10. Klasse in meiner früheren Heimat
    • Familientreffen anlässlich eines Geburtstages
    • und noch so allerhand von meiner Herbst-Bucketlist
  • Ausdrucksweisen, die mich nerven

    Ausdrucksweisen, die mich nerven

    Die eigene Sprache hat viel mit Bewusstsein über die Wirkung von Sprache zu tun. Wir können zurzeit beobachten, wie die Auseinandersetzung über das Gendern in der Gesellschaft unterschiedliche Kreise zieht. Von total ablehnend über „stets bemüht“ bis routiniert und sicher nutzend gibt es ein weites Spektrum im Umgang damit. Sicher ist: Das Reden über das Reden nimmt natürlich auch die Gleichberechtigung an sich in den Blick. Insofern gilt: Sprache wirkt. Immer. Ob du das gerade beabsichtigst oder nicht.

    Meine Schwerpunkte im Bereich Sprache und Kommunikation liegen nun jedoch bei klarer und wertschätzender Sprache. Und so habe ich mir zu Nicole Isermanns Blogparade „Geht unsere schöne Sprache den Bach runter?“ eigene Gedanken gemacht.

    Ausdrucksweisen, die mich nerven, gibt es verschiedene. Als LINGVA ETERNA Sprach- und Kommunikationstrainerin bin ich da sensibel. Doch auch dir kann es hilfreich sein, auf deinen Ausdruck zu achten. Deine Sprache wirkt auch auf dich selbst.

    Stress-Wörter

    • „Ich gehe schnell zum Arzt. Dann spiele ich wieder mit dir.“
      Das hörte ich gestern eine Erzieherin zu einem zweijährigen Kind sagen. Zunächst mal kann das Kind mit dieser Aussage kaum was anfangen. Zum anderen wird die Erzieherin wenig Einfluss darauf haben, wie lange sie im Wartezimmer sitzt. Vermutlich fährt sie auch nur so schnell, wie es erlaubt ist. Dieses „schnell“ kann sie einfach weglassen.
    • „Lauft doch schneller, damit wir endlich zum Spielplatz kommen!“
      Kinder auf einem Weg. Du weißt, was kommt: die Schnecke, die Pfütze, die Nuss, der Bagger. Alles ist interessant. Der Weg ist das Ziel. Sehen, hören, fühlen. Mit allen Sinnen die Welt begreifen. Das ist oftmals genauso wertvoll wie der Spielplatz.
    • „Ihr müsst jetzt mal zuhören.“
      Ein frommer Wunsch würde ich sagen. Das ist schon grammatikalisch keine Aufforderung. Zudem vermittelt das „müssen“ den Kindern einen merkwürdigen Druck, der nur Gegendruck erzeugt. Das glaubst du nicht? Dann bitte einmal dein Gegenüber, dir fünf Sätze mit müssen hintereinander zu sagen. Spüre dem nach und beobachte deine Impulse dazu! Na?

    Noch mehr Beispiele aus diesem Bereich und einige Tipps dazu findest du in meinen Artikeln: Wie du dir in der Erziehung weniger Druck machst. und Stress und Sprache.

    Negative Verhaltenszuschreibungen

    • „Der Simon ist so ein schreckliches/nerviges/zappeliges/schlimmes/aggressives Kind.“
    • „Sarah ist so eine Petze/Zicke/Nervensäge/Papaliebling.“
    • „Mika ist einfach ungeschickt/schusselig/faul/bequem/fett.“

    Ich könnte diese Listen endlos weiterführen. Das habe ich alles schon gehört, von den eigenen Eltern der Kinder ebenso wie von pädagogischen Fachkräften.

    Diese Zuschreibungen führen nur dazu, dass sich das bezeichnete Verhalten weiter verfestigt. Zudem ist es abwertend und gerade von Fachkräften erwarte ich hier eine Reflexion dazu. Hilfreicher wäre es, ein Verhalten sachlich im Detail zu beschreiben und zu benennen, welche Lernaufgaben anstehen. Im nächsten Schritt könnt ihr dann über den Lernweg sprechen.

    Und mancher Kommentar ist einfach überflüssig. Würdest du so über deine beste Freundin sprechen? Womit wir gleich beim nächsten Thema wären. Was gibt dir das Recht, so über Kinder zu urteilen?

    Adultismus

    • „Sei nicht so kindisch.“
      Wer immer hier auch so bezeichnet wird, es ist abwertend gemeint. Es bezieht sich auf etwas scheinbar nicht altersgemäßes, albernes, nicht ernst zu nehmendes Verhalten. Dabei ist es durchaus empfehlenswert, sich öfter mal wie ein Kind zu verhalten: verspielt, unvoreingenommen, nicht nachtragend, neugierig, …
    • „Weil ich das sage.“
      Das ist oftmals das Schlusswort einer Diskussion um etwas, was ein Kind will und eine erwachsene Person nicht (oder das Kind nicht will, die erwachsene Person aber verlangt).

    Das gesellschaftlich verankerte Machtsystem – die Machtungleichheit zwischen Kindern und Erwachsenen – wird durch die Sprache deutlich. Genau das bedeutet Adultismus. Partizipation und Gleichwürdigkeit funktioniert anders. Bis ich hierzu selbst einen Artikel geschrieben habe, verweise ich gern auf das Buch von Lea Wedewardt Wörterzauber statt Sprachgewalt.

    Kriegs- und Gewaltsprache

    • „Ich hab ein Attentat auf dich vor.“
      Dabei kam die Kollegin nur mit einer kleinen Bitte. Ich halte es für völlig überflüssig, solche Redewendungen in den alltäglichen Sprachgebrauch aufzunehmen. Das Attentat wird damit zum ganz normalen Wort. Wir verlieren den Bezug dazu, wie schlimm ein Attentat wirklich ist.
    • „Ich muss dich jetzt abwürgen, weil ich noch einen Termin habe.“
      Diese Redewendung höre ich manchmal am Telefon. Ich finde das gruselig und mag es mir nicht vorstellen.

    Die Nachrichten aus aller Welt bringen uns Begriffe aus der Militärsprache, die ständig laufenden Krimis im Fernsehen alles über Gewaltverbrechen in unsere Alltagssprache. Pass auf, was du täglich so alles sagst. Sprache steckt an. Du hast immer Menschen um dich, die deine Sprache hören. Sie nehmen sie von dir an.

    Mehr dazu findest du in meinen Artikeln Friedliche Sprache in der Pädagogik und Kriegerische versus friedliche Sprache. Über den Gebrauch im Alltag.

    Das LINGVA ETERNA Sprach- und Kommunikationskonzept, nach dem ich arbeite, macht Sprache bewusst. Du kannst damit klare und gleichzeitig wertschätzende Kommunikation entwickeln.

  • Buchtipp: „Das Trauma in dir“ von Bessel van der Kolk

    Buchtipp: „Das Trauma in dir“ von Bessel van der Kolk

    Dieses Buch habe ich gelesen, weil ich mich mit den Themen „Nervensystem regulieren“ und „Trauma bei Kindern“ seit einiger Zeit in der Theorie befasse und sie mich in meiner praktischen Arbeit permanent begleiten.

    Das Fachbuch „Das Trauma in dir“ von Bessel van der Kolk hat den Untertitel: Wie der Körper den Schrecken festhält und wie wir heilen können. Peter Levine, der große amerikanische Psychotraumatologe schreibt dazu: „Das Buch ist von atemberaubendem, geradezu epischen Ausmaß, geschrieben von einem der wichtigsten Pioniere der Erforschung und Behandlung von Traumata.“

    Worum geht es im Buch?

    Tatsächlich findet sich auf den über 550 Textseiten des Buches eine umfassende Darstellung über den neurowissenschaftlichen Hintergrund von Traumata, ihre Spuren in Verhalten und Körper sowie verschiedene Therapieformen. Dazu kommt noch ein reichhaltiger Anhang.

    Bessel van der Kolk, ein in den Niederlanden geborener und in den USA arbeitender Psychiater und Gründer des Trauma-Centers in Boston, prägte jahrzehntelang die klinische Forschung zum Thema. Das genannte Buch erschien erstmals 2014.

    Das Buch ist kein Selbsthilfe-Ratgeber, sondern ein wissenschaftlicher Überblick und entsprechend anspruchsvoll zu lesen. Dennoch ist es verständlich und aufgrund der zahlreichen Beispiele aus van der Kolks klinischer und therapeutischer Praxis sehr anschaulich.

    Viele seiner Erfahrungen mit Kriegs-Veteranen fließen mit ein. Jedoch liegen ihm besonders Kinder am Herzen. Ein großer Teil des Buches dreht sich um Entwicklungstraumata und welch gravierende Auswirkungen diese auf die Gesellschaft haben.

    Neben bekannteren Therapieformen, wie EMDR oder Neurofeedback stellt er auch Methoden und Techniken vor, die auf den ersten Blick nicht an Trauma-Therapie denken lassen, wie Yoga und Theaterarbeit.

    Was mich an diesem Buch fasziniert hat

    Da ist zum einen die fantastische Erläuterung dessen, was im Gehirn vorgeht, wenn es in Stress gerät. Er beschreibt den Thalamus (einen Bereich im limbischen Gehirn) als eine Art „Koch“, der die Suppe unseres Erlebens zusammenmischt. Dann gibt es da die Amygdala (ebenfalls in den Tiefen des limbischen Gehirns verortet), die als eine Art „Rauchmelder“ fungiert. Die Amygdala prüft, ob ein eintreffender Input überlebenswichtig ist und sendet (manchmal auch vorschnell) Stresshormone aus. Liegen bereits Traumata vor, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Fehleinschätzung höher.

    So erklärt sich, dass manche Kinder (und Erwachsene) scheinbar völlig überzogen auf für andere Menschen harmlose Ereignisse reagieren. Denn bei ihnen ist gerade der „Wachturm“ (Präfrontaler Kortex, ein Gehirnbereich, der für die Planung und Steuerung von beabsichtigten Reaktionen zuständig ist) außer Betrieb. Die Impulskontrolle funktioniert nicht.

    Effektiver Umgang mit Stress ist nur im Falle einer Balance zwischen dem „Rauchmelder“ und dem „Wachturm“ möglich.
    Bessel van der Kolk, S. 101

    Zum anderen beschreibt van der Kolk Traumata als die verborgene Epidemie. Er berichtet von einer groß angelegten Studie, der Adverse Childhood Experience (amerikanische Untersuchung über schädliche Kindheitserlebnisse aus dem Jahr 1998).

    Die ACE-Studie ergab, dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend wesentlich häufiger vorkommen, als man bis zu diesem Zeitpunkt angenommen hatte.
    Bessel van der Kolk, S. 227

    Nur ein Drittel der 25000 Teilnehmenden berichtete nicht über schädliche Kindheitserlebnisse. Dabei waren die Personen durchweg aus der sogenannten Mittelklasse. Eine deutsche Studie ergab 2019 niedrigere (knapp 56 % ohne schädliche Kindheitserlebnisse), jedoch immer noch schockierende Ergebnisse. Die Studien verdeutlichen die Zusammenhänge zwischen der Anzahl schädlicher Kindheitserlebnisse und dem Vorkommen verschiedener Schwierigkeiten: Depressionen, Einnahme von Schmerzmitteln, Suizidversuchen, Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum, Fettleibigkeit, Ängstlichkeit, körperliche Aggressivität und eingeschränkte Lebenszufriedenheit.

    Van der Kolk erläutert, dass gerade bei Kindern häufig andere Diagnosen gestellt werden, wie ADHS, oppositionelles Verhalten, Schwierigkeiten der Emotionsregulierung usw. ohne dass einfühlsam auf entwicklungsbedingte Traumafolgestörungen hin untersucht wird.

    Was dieses Buch für meine heilpädagogische Arbeit bewirkt

    Viele Kinder, die ständig zwischen hektischer Aktivität und Immobilität schwanken, können die Kunst der Selbstregulation erlernen. Kinder sollten nicht nur lesen, schreiben und rechnen lernen; man sollte ihnen auch beibringen, ihrer selbst gewahr zu sein, sich selbst zu regulieren und zu kommunizieren. Ebenso wie wir sie in Geschichte und Geografie unterrichten, müssen wir ihnen die Funktionsweise ihres Gehirns und Körpers erklären. … Emotionale Intelligenz beginnt mit der Entwicklung der Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu identifizieren und sich auf die Emotionen der Menschen in der Umgebung einzustimmen.
    Bessel van der Kolk, S. 550

    Es ist ein weites Spektrum an Kindern, die ich in meiner heilpädagogischen Arbeit begleite. Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten unterschiedlicher Art, Kinder mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten, Kinder, die frühgeboren und entwicklungsverzögert sind. Bei kaum einem wurde die Fördermaßnahme genehmigt, weil traumatische Erlebnisse bekannt sind. Dennoch liegen sie vermutlich in vielen, vielleicht den meisten Fällen vor.

    Hier werde ich in Zukunft genauer hinschauen, mit Eltern (soweit möglich) bewusster darüber sprechen und pädagogische Fachkräfte auf das Thema „Trauma bei Kindern“ aufmerksam machen.

    Sowohl für Kinder als auch ihre erwachsenen Bezugspersonen werde ich Methoden der Stressregulation verstärkt in meine Angebote einbauen. Eine Weiterbildung zu diesem Thema habe ich gerade begonnen.


    Bessel van der Kolk: Das Trauma in dir: Wie der Körper den Schrecken festhält und wie wir ihn heilen können
    Aus dem Englischen übersetzt von Theo Kierdorf
    Ullstein, Feb. 2023
    656 Seiten, Paperback, 18,99 Euro

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