„Wie erreiche ich mehr Aufmerksamkeit bei meinem Kind?“

Heike Brandl bei Elternabend

Eltern fragen mich immer wieder, wie sie mehr Aufmerksamkeit bei ihrem Kind erreichen können. Wie gelingt es, dass das Kind ihnen zuhört und dabei bleibt? Dabei geht es erstmal nicht um „Folgen“ im landläufigen Sinn, also dass das Kind dann auch tut, was Eltern von ihm wollen. Hier geht es um das Hinhören.

Und ich stelle die Gegenfrage: Wie erreicht dein Kind bei dir die Aufmerksamkeit? Hast du darüber schon mal nachgedacht? Wie laut – wild – chaotisch – still – desinteressiert – „ungezogen“ muss dein Kind werden, damit du ihm Aufmerksamkeit schenkst?

Schenke deinem Kind Aufmerksamkeit!

First things first! Geh mit gutem Beispiel voran! Was du von deinem Kind erwartest, das lebe ihm vor.

Fragen zur Reflexion:

  • Wie lange schaust du noch aufs Smartphone, wenn dein Kind dich etwas fragt oder um etwas bittet?
  • Hörst du deinem Kind aufmerksam zu, auch wenn du der verworrenen Story vielleicht nicht ganz folgen kannst?
  • Zeigst du dein Interesse und deine Aufmerksamkeit auch bei Spielen oder Tätigkeiten, die nicht deine 100%ige Leidenschaft sind? Beim 37ten Mal vorlesen der gleichen Geschichte, beim Spiel mit Puppen oder im Sand, beim Computerspiel?
  • Wie erlebst du es, wenn dir jemand anderes die Aufmerksamkeit nur so halb schenkt und nicht richtig zuhört? Welche Gefühle kommen da in dir hoch?

Sprich dein Kind mit seinem Namen an!

Achte darauf, dass du dein Kind mit seinem Namen ansprichst, wenn du ihm etwas mitteilen willst. Sage den Namen freundlich, liebevoll und wohlwollend. Es ist wichtig für das Selbstwertgefühl des Kindes, dass es mit seinem Namen positive Gefühle verknüpft.

Ich empfehle außerdem, den vollen Namen zu nutzen und keine Abkürzungen oder Kosewörter. Kosewörter sind für Kose-Situationen. Ich hatte einmal eine Seminarteilnehmerin, die berichtete, dass ihr Partner sie meistens mit einem Kosenamen ansprach. Gebrauchte er einmal ihren vollen Namen, wusste sie schon, oh – hier gibts gleich Ärger. Auch bei Kindern erlebe ich das häufig.

Fragen zur Reflexion:

  • Wie sprichst du dein Kind an?
  • Sagst du den Namen erst am Ende des Satzes? Dann folgt hier auch erst die Aufmerksamkeit.
  • Nutzt du den vollen Namen deines Kindes nur/häufig im Kontext von Schimpfen und Zurechtweisung?
  • Wie hörst du deinen eigenen Namen? Wie fühlst du dich, wenn jemand sehr genervt oder enttäuscht deinen Namen sagt?
  • Überlege: Wie ist es für dich, wenn in einer Besprechung jemand eine Frage in den Raum stellt, ohne jemanden konkret dabei anzusprechen? Fühlst du dich gemeint oder zuständig?

Schau dein Kind beim Ansprechen an!

Der Blickkontakt ist so wichtig, um einen echten Kontakt herzustellen. Wie oft habe ich selbst als junge Mutter quer durch das Haus gerufen und mich geärgert, dass keiner reagiert. Dabei war das mein Fehler. Fehler heißt: Hier fehlt etwas! Hier fehlte das Anschauen, der Blickkontakt. Dann weiß das Kind, dass es jetzt gemeint ist.

Fragen zur Reflexion:

  • Von wo aus sprichst du dein Kind an? Bist du im gleichen Raum?
  • Bist du auf Augenhöhe beim kleinen Kind?
  • Ist es dem Kind möglich, dich zu sehen?
  • Beobachte: Spürst du einen Unterschied, wenn dich die Kassiererin im Supermarkt anschaut oder wenn sie teilnahmslos die Ware abscannt?

Schenke deinem Kind eine minimale Pause!

Pausen sind immer dann wichtig, wenn ich mich der Aufmerksamkeit meines Gesprächspartners versichern will. Anstatt also einfach darauf loszureden, ist es hilfreich, dem Kind eine minimale Pause zu gönnen. Warte einen Moment, bis es reagiert. Dein Kind braucht diese Zeit, um von dem, was es gerade tut, den Fokus zu dir zu wenden.

Kleine Kinder können das. Das ist einer der Gründe, warum sie so erfolgreich sind. Sie sagen „Mama!“ oder „Papa!“ Sie reden erst weiter, wenn sie den Kontakt aufgebaut haben.

Fragen zur Reflexion:

  • Achte darauf, ob andere Personen diese minimale Pause einhalten. Es ist gut, sich hier erstmal einzuhören.
  • Lässt du deinem Kind diese Reaktionszeit?
  • Wie geht es dir damit, wenn du in etwas vertieft bist und jemand wartet nicht ab, bis du mit der Aufmerksamkeit bei ihm bist?

Mach es selbst genauso: „Toni – bitte stell die Flasche auf den Tisch!“, oder „Josie – komm, wir wollen anfangen!“ Mit den 3A erreichst du die volle Aufmerksamkeit deines Kindes für dein Anliegen.

Von meinen Seminarteilnehmer:innen habe ich dazu schon viele positive Rückmeldungen bekommen. Gerade Kinder – ob die eigenen oder die im Kindergarten – reagieren in der Regel schnell und sicher auf diese gezielte Gesprächsführung.

Im Artikel 3A – In 3 Schritten mehr Aufmerksamkeit erreichen habe ich ganz ausführlich erläutert, was ich damit meine, wie es funktioniert und was passiert, wenn du die 3A außer Acht lässt. Denn Aufmerksamkeit willst du ja nicht nur bei deinem Kind erreichen, sondern z. B. auch bei deinem Partner oder im beruflichen Umfeld.

Multitasking ist ein Trugschluss

Ich meine, es ist ein Trugschluss, dass Multitasking funktioniert. In den meisten Fällen geht die Aufmerksamkeit für eine Sache flöten und es entstehen Fehler, Missgeschicke oder du bekommst einfach nicht alles mit. Es ist eine echte Herausforderung in unserer heutigen Zeit eine Sache nach der anderen zu machen. Klar, es geht, bei Routinetätigkeiten gleichzeitig Musik zu hören, doch sobald eine Aufgabe anspruchsvoller wird, erfordert sie meine ganze Aufmerksamkeit.

Und so ist es eben auch beim Gespräch. Solange die Landstraße beim Autofahren eintönig ist, kann ich mich gut unterhalten. Sobald jedoch die Verkehrssituation meine Aufmerksamkeit fordert, kann ich dem Gespräch nicht mehr richtig folgen oder führe sogar meinen eigenen Satz nicht zu Ende.

Fragen zur Reflexion:

  • Bist du wirklich mit deiner Aufmerksamkeit im Dialog mit deinem Kind?
  • Wie erlebst du es, wenn Andere gleichzeitig zum Gespräch mit dir noch eine E-Mail schreiben oder die Nachrichten checken? Fühlst du dich dann wertgeschätzt?

Aufmerksamkeit gehört zu den Begriffen, die ich im Zusammenhang mit Wertschätzung für wesentlich halte. Welche weiteren für mich dazu gehören, liest du in meinem Glossar: Wertschätzung.

Kinder spiegeln das wider, was sie selbst erleben. Gib ihnen ein gutes Beispiel mit deiner Aufmerksamkeit. Schenke ihnen deine Aufmerksamkeit nicht erst dann, wenn sie durch auffälliges Verhalten förmlich nach dir schreien. Schenke ihnen deine Aufmerksamkeit einfach so, weil sie Kinder sind und sie deine Zuwendung brauchen.

Hast du Interesse an einem persönlichen Gespräch dazu?

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Kategorisiert in Pädagogik

4 Kommentare

  1. Liebe Heike,
    vielen Dank für diesen unglaublich wertvollen Artikel.
    Viele Punkte kenne ich aus anderen „Ratgebern“ für Eltern, aber die gehen bei weitem nicht so in die Tiefe wie Dein Artikel. Vor allem der Satz „kleine Kinder können das. Sie reden erst weiter wenn sie Kontakt aufgebaut haben“ hat mich nachdenklich gemacht. Im positiven Sinn natürlich 🙂

    Liebe Grüße, Bianca

    1. Liebe Bianca,
      ich freue mich darüber, dass ich dich mit meinem Artikel berühren konnte und etwas in dir wach wird. Bestimmt wirst du in Zukunft ganz aufmerksam hinhören, wenn dich (deine?) Kinder ansprechen.
      Ich sende dir herzliche Grüße
      Heike

    1. Liebe Shau,
      das ist wahr. Viele Menschen leben noch immer mit einem Bild des Kindes aus früheren Jahrhunderten. Sie nehmen weder die Gefühle des Kindes ernst, noch achten sie die Würde des Kindes.

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