Wie du zu einem guten Sprachvorbild wirst – Eine Anleitung

Mutter mit Kind und Buch

Ich werde immer wieder gefragt, wie Eltern die Sprachentwicklung ihres Kindes gut unterstützen können. Nun habe ich dazu eine Anleitung geschrieben, wie Eltern ein gutes Sprachvorbild werden.

Brauchen Kinder Sprachvorbilder? Klar! Kennst du das Experiment, welches Kaiser Friedrich II. im 12. Jahrhundert mit Säuglingen machen ließ? Er wollte die Ursprache der Menschheit herausfinden und verbot daher Pflegerinnen von neugeborenen Kinder mit den Säuglingen zu sprechen. Trotz guter Pflege starben die Kinder. Ansprache ist für Kinder daher mehr als notwendig um eine Sprache zu lernen. Das Sprechen mit Kindern ist Grundlage aller Entwicklung.

Wissenschaftliche Untersuchen zeigen, dass Menschen sehr stark durch Nachahmung lernen. Egal ob es um Bewegungsabläufe, Verhaltensweisen oder eben Sprache geht – der Mensch hat eine hohe Imitationsfähigkeit und das scheint eine besonders wirksame und schnelle Art des Lernens zu sein. Kinder lernen also am Modell.

Was kannst du mit einem guten Sprachvorbild erreichen?

Als Leser:in meines Blogs ist dir eines bewusst: Sprache ist Schlüssel zur Welt. Sprache ist die Grundlage allen Wissenserwerbs, mit Sprache schaffen Menschen Beziehungen, sie ist Träger der Kultur und vieles mehr. Egal ob das Kind später im Einzelhandel arbeitet, als Ingenieur:in mit Kund:innen und Lieferanten zu tun hat oder Erzieher:in wird: Kommunikation wird überall gleichermaßen wichtig sein. Da ist es doch schlau, schon früh die Grundlagen dafür zu legen.

Ich wünsche mir, dass Menschen klar und wertschätzend miteinander kommunizieren. Das vermeidet Missverständnisse und Ärger, das stärkt Beziehungen und – würden das alle Menschen auf der ganzen Welt tun, wäre die Welt sicher eine friedlichere.

Gehen wir also von zwei Annahmen aus:

  • Kinder lernen an deinem Vorbild.
  • Du bist ihnen sprachlich ein gutes Vorbild.

Dann werden Kinder eine klare, wertschätzende und friedliche Sprache lernen. Das ist ein wesentlicher Baustein für ein gutes Leben.

Wer ist für das Kind sprachliches Vorbild?

Es ist ganz einfach, wenn ich erstmal frage: Wer ist kein Sprachvorbild für das Kind? Da wird dir schnell klar: Die Nachbarin, mit der ihr selten redet, der Onkel, der dreimal im Jahr aufkreuzt, das sind keine Sprachvorbilder. Sie hinterlassen zu wenig Eindruck, sie haben für das Kind wenig Bedeutung.

Anders hingegen ist es mit den Bezugspersonen: Eltern und pädagogische Fachkräfte kommen einem als erste in den Sinn. Jedoch sind hier auch andere Menschen gemeint, mit denen das Kind viel Zeit verbringt, die für es relevant sind. Das kann die Oma genauso sein, wie ein anderes Kind aus der Kita. Daher kommen manchmal eben auch Schimpfwörter in den Wortschatz des Kindes.

Beispiel: Wenn die heißgeliebte Oma stets sagt: „Gib mir mal den Butter!“ kannst du noch so oft sagen „Das heißt ‚die Butter‘.“

Kommt der oben genannte Onkel jedoch jedes Mal mit einem Dinosaurier-Buch oder einer Spielfigur und nimmt sich entsprechend Zeit, mit dem Kind zu lesen und zu spielen, kann er durchaus zum Sprachvorbild werden.

4 Dinosaurier Bildkarten für Kinder
Viele Kinder lieben Dinos – und lernen bereitwillig ihre Namen

Was bedeutet es, ein gutes sprachliches Modell zu sein?

Ich beginne wieder mit der Frage: Was bedeutet es nicht? Und ich gebe dir gleich die Antwort: Du machst keine Sprachtherapie. (Wobei die Sprachtherapeut:in selbstverständlich auch ein gutes Sprachvorbild sein wird.) Hat dein Kind eine Sprachentwicklungsverzögerung, eine Auffälligkeit in der Aussprache oder Grammatik oder eine Sprachentwicklungsstörung, wird ein gutes Sprachvorbild nicht ausreichen. Dann braucht dein Kind zusätzliche Unterstützung in Form von Therapie.

Dennoch braucht es ein gutes Sprachvorbild von dir und anderen Bezugspersonen. Ihr bildet gemeinsam den Nährboden, auf dem die Therapie Früchte tragen kann. Ihr schafft die Situationen, die den Transfer des in der Therapie gelernten in den Alltag ermöglichen.

Das heißt, als Sprachvorbild orientierst du dich am Alltag des Kindes. Du brauchst keine künstlichen Situationen oder Übungssequenzen erfinden, um etwas zu trainieren. In der Pädagogik sprechen wir heute von der alltagsintegrierten Sprachförderung. Sie orientiert sich an den Interessen des Kindes, an Situationen, Dialogen und Handlungen, die sich ergeben sowie an der Lebenssituation des Kindes.

Beispiel: Du merkst, dass dein Kind gerade die Pluralbildung lernt. Beim Memory-Spiel kannst du hier ganz einfach mit vollständigen Sätzen deine Handlungen begleiten: „Ja, jetzt habe ich endlich die zwei Schneemänner gefunden.“

Beispiel: Dein Kind beobachtet dich beim Wäsche sortieren und will helfen. Hier gibt es viele Möglichkeiten, Größen, Farben und Muster zu beschreiben und so den Wortschatz zu erweitern.

Sprachvorbild sein bedeutet in erster Linie, Freude am Sprechen zu vermitteln. Kinder (und Erwachsene übrigens auch) lernen leicht, wenn das Lernen Freude macht. Das schließt Druck und Kritik aus. Das schließt jedoch ein, dass ich als Gesprächspartner:in signalisiere, dass ich gerne mit dem Kind spreche, dass mir der Dialog wichtig ist. Ein feinfühliger Dialog entsteht, wenn ich das Kind in seiner Persönlichkeit achte, es gleichwürdig schätze und auf seine Äußerungen – unabhängig von sprachlicher Korrektheit – eingehe.

Beispiel: Das Kind berichtet aufgeregt aus der Kita „Dann hab ich so einen drosen Täfer defunden.“ und jemand sagt „Das heißt ‚großen Käfer gefunden‘!“ – Glaubst du, das Kind wird weiter erzählen? Wohl kaum. Ein feinfühliger Dialog führt weiter, z.B. so: „Welche Farbe hatte denn dieser große Käfer?“

Wichtig ist außerdem, dass deine Sprache authentisch ist. Auch Dialekt ist in Ordnung, denn sonst müsstest du dich verstellen und das Kind würde das merken. Du wirst sicher Bücher in Hochdeutsch vorlesen, im Fernsehen ist es zu hören usw. Bis zum eigenen Lesen und Schreiben wird Kind wird noch viele Gelegenheiten haben, Hochdeutsch zu lernen.

Fünf Tipps, um ein gutes Sprachvorbild zu werden

Aus meiner Erfahrung als Sprach- und Kommunikationstrainerin und Heilpädagogin habe ich meine fünf grundlegenden Tipps für dich zusammengestellt:

Tipp Nr. 1: Haltung

  • Überprüfe deine Haltung zu Gesprächssituationen mit deinem Kind.
  • Sei deinem Kind ein gutes Beispiel in Bezug auf Zuhören. Nur dann kannst du dasselbe auch von ihm erwarten.
  • Bring eine gesprächsanregende Fragehaltung mit und stelle offene Fragen.
    Beispiel: „Was hast du gemacht, nachdem dich Tim geschubst hatte?“
  • Lass deinem Kind ausreichend Zeit für Antworten bzw. Dialog.
  • Vermittle ihm Zuversicht in Bezug auf seine Entwicklung.
    Beispiel: „Du wirst das noch lernen.“

Tipp Nr. 2: Präsenz

  • Erkenne gute Gesprächssituationen im Alltag und leg dein Smartphone öfter zur Seite. Dein Kind ist wichtiger als Social Media.
  • Stelle Blickkontakt her, bevor du dein Kind ansprichst. Halte den Blickkontakt so gut es geht, erzwinge ihn jedoch nicht. Ich weiß, beim Autofahren oder anderen Tätigkeiten könnt ihr dennoch im Dialog bleiben. In heiklen Gesprächen kann der Abbruch des Blickkontakts zu Verunsicherung führen.
  • Stelle echten Kontakt her, indem du das Kind mit dem Namen ansprichst.
  • Zeige deine Emotionen in authentischer Sprache.
    Beispiel: „Ich bin gerade ziemlich sauer, das habe ich mir anders vorgestellt!“

Tipp Nr. 3: Klarheit

  • Stelle keine Fragen, wenn Aufforderungen gemeint sind. Beispiel: anstatt „Warum fährst du schon wieder durch das Beet?“ – lieber „Tom, bleib mit dem Roller auf dem Weg!“
  • Verzichte auf Ironie im Vorschulalter. Das können Kinder in diesem Alter nicht richtig verstehen.
    Beispiel: anstatt „Na das hast du ja toll hingekriegt!“ – lieber „Oh je, jetzt ist das Auto kaputt!“
  • Es gibt Kinder, die mit vier Jahren sämtliche Dinosauriernamen oder Automarken kennen. Was sollte sie daran hindern, auch Bäume, Musikinstrumente, Vögel oder anderes zu lernen? Kannst du sie dafür begeistern? Erweitere frühzeitig den Wortschatz und lass Vereinfachungen weg.
    Beispiel: statt „Gib mir mal das!“ – „Gib mir bitte die Zucchini!“
4 Dinosaurier Bildkarten für Kinder
Wofür begeisterst du dich?

Tipp Nr. 4: Wertschätzung

  • Bindung und gute Beziehungen entstehen durch Wertschätzung und gemeinsames Erleben. Auf dieser Basis ist Lernen möglich, auch das Lernen von Sprache.
  • Schenke dem Kind also Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und wenn dies gerade nicht möglich ist? Dann sag ihm das so wertschätzend, wie du es auch einem Erwachsenen gegenüber tun würdest. Sicher erwartest du das gleichermaßen von deinem Kind.
  • Sprich so natürlich wie möglich mit deinem Kind. Du brauchst weder lauter noch langsamer sprechen, du brauchst Wörter nicht extra betonen und du brauchst auch nicht dazu auffordern, etwas richtig zu sagen. Kinder wollen als „normale“ Menschen wahrgenommen werden.
  • Zum Umgang mit Sprachentwicklungsstörungen habe ich noch einen Buchtipp: „Korrigier mich nicht!“ von Bärbel Koch (unbezahlte Werbung aus Überzeugung), einer Logopädin, die hier eine ganz klare Haltung vertritt: Korrigieren verwirrt die Kinder im Lernprozess.

Tipp Nr. 5: Mimik und Gestik

  • Kinder brauchen nonverbale Unterstützung im Sprachlernprozess. Sie können früher mit den Händen kommunizieren als mit der Stimme. Heute begleiten pädagogische Fachkräfte Kinder in der Kleinkindgruppe mit Babygebärden. Auch komplexe Lieder lernen Kinder leichter mit den passenden Gebärden dazu.
  • Das erweitert nicht nur den Wortschatz oder verankert Reihenfolgen im Lied besser, das gibt dem Kind auch die Möglichkeit eigene Bedürfnisse auszudrücken. Bitte unterstütze das.
  • Achte auf Authentizität in deiner Mimik. Bring deine Freude ebenso zum Ausdruck wie deine Verärgerung. Ich erinnere hier nochmal an das Beispiel von der Ironie. Bei „Toll!“ erwarten wir üblicherweise Bestätigung auch durch die Mimik. War das jedoch ironisch, ist es für das Kind verwirrend, wenn der Erwachsene vorwurfsvoll schaut.
  • Mit deiner Mimik kannst du das Kind leicht ermuntern, motivieren oder bestätigen. Nutze das noch öfter als Lob und verbale Bestätigung.

Fazit

Ein gutes Sprachvorbild ist für das Kind eine wertvolle Unterstützung im Sprachlernprozess – gleichgültig, ob es die Lernschritte im typischen Alter und Reihenfolge durchläuft oder ob es eine Sprachentwicklungsverzögerung oder -störung hat. Bei dir lernt dein Kind den Wortschatz, den Satzbau und die Grammatik, die Sprachmelodie und das Sprechtempo, das Zuhören, das Ausreden lassen, das Fragen stellen und das Antworten. Es lernt also alles über die Sprache und die Interaktion. Vor allem jedoch lernt es die Freude am Sprechen.

Brauchst du Unterstützung in deiner Reflexion? Ich begleite dich gerne in diesem Prozess.

PS: Präsenz, Klarheit und Wertschätzung sind übrigens die drei Grundpfeiler des LINGVA ETERNA Sprach- und Kommunikationskonzepts.

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