„Du wirst das lernen.“ – Mein Schlüsselsatz in der Erziehung.

Kind steckt Ball in eine Stofftasche

„Sprache als Schlüssel in der Erziehung. Mit welchem Satz hast du etwas bei (d)einem Kind bewirkt?“ So lauter der Titel meiner Blogparade, mit der ich Blogger:innen einlade, eine eigene Geschichte, eine eigene Erfahrung und eine eigene Perspektive auf dieses Thema beizutragen. In diesem Beitrag teile ich meinen Schlüsselsatz in der Erziehung mit dir.

Das bedeutet für mich „Sprache als Schlüssel in der Erziehung“

Seit vielen Jahren begleite ich als Heilpädagogin Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten und Behinderungen im Vorschulalter. Manche kommen zu mir zur Frühförderung in meine Praxis. Andere begleite ich im Rahmen von Einzelintegration (so heißt das in Bayern) für vier Stunden wöchentlich in ihrer Kita-Gruppe.

Was passiert, wenn Eltern oder pädagogische Fachkräfte unbedacht reden?

Oft kann ich beobachten, dass ein falsches Wort, ein genervter Ton, eine fehlende Information oder eine unpassende Grammatik zu Reaktionen führen, die so nicht gewollt werden. Was passiert:

  • Die Erzieherin sagt: „Seid leiser!“ – Lina reagiert nicht auf diese Ansprache und hüpft wild kreischend durch den Flur.
  • Merlins Mutter sagt: „Komm endlich!“ – Merlin tritt nach Eray.
  • Die Erzieherin sagt: „Das müsstest du jetzt wirklich schon können.“ – Tim schämt sich und zerknüllt sein Arbeitsblatt.
  • Der Erzieher sagt: „Würdest du dir bitte die Hände waschen?“ – Murat kommt mit Händen voller Knete zum Frühstück.
  • Amelie kann die Straßenschuhe noch nicht allein anziehen und niemand merkt das. Sie wirft die Hausschuhe in der Garderobe herum.

Verbreitete „Fehler“ in der Sprachförderung

Fragst du dich, warum ich „Fehler“ hier in Anführungszeichen schreibe? Fehler heißt, da fehlt noch was. Da fehlt zum Beispiel das Wissen oder die Übung, um es anders zu machen. Aus Fehlern können wir immer etwas lernen.

Es ist immer wieder überraschend für mich, dass in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte scheinbar so wenig Wert auf eine klare und wertschätzende Sprache gelegt wird. Zumindest sehe ich das in der Praxis später: Es wird noch immer viel kritisiert, geschimpft, abgewertet, beschämt und vieles mehr. Dabei wissen wir heute, dass das für das Selbstwertgefühl eines Kindes nicht förderlich ist – viele pädagogische Fachkräfte haben das selbst in ihrer Kindheit erfahren und geben es unreflektiert weiter.

Auch sprachwissenschaftliche Aspekte sind noch zu wenig in der Alltagssprache in Kitas verankert. Da werden „Phonologische Bewusstheit“ und extra Sprachförderstunden für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) angeboten. Doch die Sprache, mit der manche Erzieher:innen die Kinder überwiegend ansprechen, ist oft ungeeignet. Alltagsintegrierte Sprachförderung ist vielen noch kein Begriff:

  • „Wortbrocken“ statt vollständiger Sätze
  • Konjunktiv II statt klarer Aufforderung
  • Falsche Zeitform: Gegenwart statt Zukunft
  • Schachtelsätze statt einfacher, klarer Sätze
  • Zu viele Fragen statt beschreibender Kommentare
  • Zu wenig Genauigkeit in der Wortwahl („Leg das da hin!“)

Kinder mit Schwierigkeiten in Aussprache und Grammatik werden vielfach von Eltern und pädagogischen Fachkräften korrigiert, verbessert, zum korrekten Sprechen aufgefordert oder bestenfalls der Satz korrekt wiederholt. Das ist demotivierend, beschämend und zudem unangemessen. Du wärst zu Recht verärgert, wenn dich deine Freundin ständig korrigieren würde.

Bewusste Sprache kann so viel bewirken

Sprache kann in so vielerlei Hinsicht unsere Kinder positiv beeinflussen. Sie kann motivieren oder trösten, sie kann aufbauen und neugierig machen. Natürlich kann sie auch Sprachentwicklung fördern. Dafür findest du in meinem Artikel „Wie du zu einem guten Sprachvorbild wirst“ eine Anleitung.

Und sie kann Kindern mit Schwierigkeiten in Lernen und Verhalten Zuversicht vermitteln. In dem Buch „Deutlich reden, wirksam handeln. Wie Kinder das Leben entdecken“ erklärt das Mechthild von Scheurl-Defersdorf wunderbar am Beispiel des Satzes „Du wirst es schaffen.“ Dieser Satz bestärkt und ermuntert das Kind, sich einer schwierigen Aufgabe wieder und wieder zu widmen. Durch die Formulierung im Futur, „du wirst“, bleibt dem Kind auch Zeit. Es ist nicht nötig, dass es gleich gelingt, dass es das sofort schafft. Die grammatikalische Zukunftsform bringt die Zukunftsperspektive.

Der Satz vermittelt außerdem, dass jemand an das Kind glaubt. Es wird innerlich auf den Erfolg eingestimmt. Zudem vermittelt das Wort „schaffen“ auch die Selbstwirksamkeit. Es wird in den Sprachgebrauch des Kindes übergehen und dann wird es eines Tages voller Selbstvertrauen sagen: „Ich schaffe das!“

Heike Brandl

„Du wirst das lernen.“ Eine Geschichte aus der Kita

Die fünfeinhalbjährige Katrin begleitete ich schon etwa 10 Monate in der Kita. Sie war ein sehr lebhaftes, cleveres Mädchen, hoch impulsiv und leicht zu provozieren. In so einem Fall schubste, trat und schlug sie oder warf Gegenstände. In unterschiedlichen Phasen des Förderprozesses gab es Kleingruppenangebote zur Körperwahrnehmung, Impulssteuerung, Konzentrationsförderung und Konfliktregulation. Gelegentlich bot ich Katrin auch Einzelstunden an, zur Entspannung und auch um etwas unter vier Augen zu besprechen. An so einer Stunde lasse ich dich nun teilhaben.

In einem ruhigen Raum arbeiteten wir mit Zaubersand. Dieser kinetische Sand lässt sich modellieren wie feuchter Sand und bleibt fließend. Das entspannte Katrin sofort und sie konnte ganz gelöst mit mir reden. Zunächst teilte sie den Sand gerecht auf, probierte ein wenig herum und erzählte vom Wochenende. Dann wechselte ich das Thema:

  • Heike: „Katrin, weißt du, warum wir immer zusammen spielen?“
  • Katrin: „Weil du mein Freund bist.“
  • H: „Ja, das stimmt, doch da gibt es noch was anderes … Als wir vor fast einem Jahr begonnen haben, da hattest du oft Schwierigkeiten mit den anderen Kindern und den Erzieherinnen. Du bist ganz oft wütend geworden und hast gehauen. Manchmal hast du dabei aus Versehen noch die Hose nass gemacht. Doch das tust du jetzt nicht mehr. Wie ist dir das denn gelungen, dass du das jetzt so schaffst?“
  • K: „Das habe ich einfach gelernt. Nur zu Hause habe ich nachts noch eine Windel an. Heute Morgen habe ich die ganz allein in den Mülleimer gebracht.“
  • H: „Das wirst du sicher auch noch lernen, nachts ohne Windel schlafen oder aufwachen, wenn du Pipi musst.“
  • K: „Ja, das werde ich auch noch lernen.“
  • H: „Wie ist das denn mit dem anderen, wenn du dich über andere Kinder ärgerst. Was kannst du da machen?“
  • K: „Der Erzieherin sagen. Nur oft hilft das nicht, weil der Lasse mich dann wieder weiter ärgert.“
  • H: „Hm, dann ist es schwer, ruhig zu bleiben.“ Katrin macht nun einen Vulkan mit dem Zaubersand.
  • H: „Vielleicht ist es bei dir manchmal so wie bei dem Vulkan. Dann explodierst du einfach und wie der Vulkan Feuer und Lava spuckt, schreist du.“ Katrin schaut mich aufmerksam an und knetet weiter.
  • H: „Weißt du, dass es auch Vulkane gibt, die nicht mehr Feuer spucken und ganz ruhig geworden sind?“
  • K: „Ja, das hat mir die Mama erzählt.“
Zwei Kinder modellieren mit Sand
Zwei Kinder modellieren mit dem Zaubersand aus meiner Geschichte
  • H: „Ich erzähle dir eine Geschichte von einem Vulkan, der hat ganz, ganz früher auch Feuer und Asche gespuckt. Und dann war alles raus und er hat aufgehört, Lava über das Land zu spucken. Die Menschen haben viele Jahre gewartet und als sie ganz sicher waren, dass dieser Vulkan ruhig ist, haben sie sich getraut an den Vulkan unten ein Dorf zu bauen und Wege, die nach oben führen und weil sie sich so gefreut haben, sogar eine Kirche. Sie waren ganz glücklich, dass der Vulkan jetzt friedlich ist und sie in Ruhe da leben können. Sie waren froh, so schöne Wege zu haben und dass sie auf den früheren Vulkan gehen können und eine schöne Aussicht haben. Die Leute aus dem Dorf pflanzten sogar Obstbäume.“
  • Während ich die Geschichte erzähle, modelliere ich meine Landschaft entsprechend und Katrin ist ganz aufmerksam und freut sich, fragt ein paar Dinge nach und will dann unsere Tabletts mit den Landschaften tauschen. Ich biete ihr an, das selbst zu gestalten, zeige ein wenig und gebe Tipps und schließlich ist sie ganz umsichtig und vorsichtig mit den Häusern für die Menschen und den Wegen … Sie ist so stolz, dass wir ein Foto machen.
  • K: „Cool.“
  • H: „Ach, weißt du eigentlich, was cool heißt? (Sie schüttelt den Kopf) Cool heißt kalt, das ist ja wie beim Vulkan, der ist jetzt nicht mehr heiß und spuckt Feuer, sondern ist ganz cool und friedlich. Vielleicht ist das bei dir auch so, dass du lernen kannst, wie ein cooler Vulkan zu werden …

Katrin war nach dieser Stunde tief entspannt, zufrieden und ganz bei sich. Bis zu ihrer Einschulung kommen wir immer wieder auf dieses Thema zu sprechen: „Du wirst das lernen.“ Egal, ob es darum ging, einen Hund zu malen, geduldig zu warten, bis sie an der Reihe war oder darum, friedlich einen Konflikt zu klären. Katrin lernte stetig hinzu und das machte ich ihr immer wieder bewusst. Und manchmal erinnerte ich Katrin einfach an „cooler Vulkan“. Statt zu explodieren, schaffte sie es immer öfter, cool zu bleiben. Dann holte sie tief Luft, atmete wieder aus und sagte „Na gut.“

„Du wirst das lernen.“ Mit meinem Schlüsselsatz in der Erziehung bewirke ich bei Kindern Zuversicht, Zukunftsorientierung und Bereitschaft zum Lernen. Ich vermittle dem Kind – und auch den Eltern – meine Geduld und positive Erwartung.

Wirst du das auch lernen?

Wirst du es auch lernen, mit Kindern klar und wertschätzend zu sprechen? Klar, auch du wirst das lernen, wenn du es willst, bereit bist, deine Sprache zu reflektieren und Geduld mit dir selbst hast. Du kannst dich bei mir natürlich quer durch den Blog lesen und alles ausprobieren.

Du kannst aber auch in ein Seminar kommen und in der Gruppe gemeinsam lernen. Ob online oder in meinem Seminarraum – in Gemeinschaft profitierst du mehrfach. Du kannst deine eigenen Situationen einbringen und ausprobieren, wie du neu damit umgehen kannst und du hörst die Beispiele der anderen Teilnehmer:innen. Melde dich gleich an!

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