Von destruktiver zu konstruktiver Kritik: So schaffst du eine Kultur des Gelingens

Konstruktive Kritik: Eine Musiklehrerin weist eine Sängerin auf höhere Töne hin

Erlebst du in deinem Umfeld immer konstruktive Kritik? Ich vermute: Das ist eher nicht der Fall. Viel wahrscheinlicher ist es, dass du und ich etwas gemeinsam haben: Wir haben beide schon unzählige Male Fehler-Kommentare gehört.

  • „Das ist falsch. Rechne die Aufgabe nochmal!“
  • „Kannst du nicht hören? Ich hab dir doch gesagt, dass das so nichts wird!“
  • „Du bist doch so schlau! Als Fachkraft hättest du das doch wissen können!“

Und? Bist du mit solchen Kommentaren im Leben irgendwie weitergekommen? Egal ob du 4, 14 oder 44 Jahre alt warst – hilfreich war das nicht. Dabei hat sich dein Gegenüber wahrscheinlich gar nichts Böses dabei gedacht, es womöglich sogar gut gemeint.

Vielleicht rutschst du – weil du es ja selbst oft so gehört hast – in eben genau die gleiche Art von Fehler-Kommentaren. Wie es anders gehen kann und du zu einer Gelingens-Kultur kommst, darum geht es in diesem Artikel.

Welche Arten von destruktiver Kritik gibt es?

Schauen wir zunächst mal, welche Formen von destruktiver Kritik es gibt und welche Wirkungen sie haben können. Vielleicht war dir bislang gar nicht bewusst, dass diese Arten von Kritik auch negative Wirkung haben können oder dass du sie auch gelegentlich nutzt.

Da sind die scheinbar sachlich wirkenden Feststellungen. Sie benennen nachvollziehbare Irrtümer, wie zum Beispiel in einer Rechnung. Oft hilft der zweite Blick darauf und ich kann den Fehler korrigieren. Bin ich aber einem strukturellen Fehler aufgesessen, z.B. dem falschen Rechenweg, nützt der zweite Blick womöglich gar nichts. Übrigens: Eine „Feststellung“ stellt etwas fest. Dabei bleibt es dann oft, anstatt etwas in Bewegung zu bringen.

Beispiel:

„Da sind viele Fehler im Text. Er ist weder logisch noch klar. Von der Rechtschreibung mal ganz zu schweigen!“

Vorwürfe und Schuldzuweisungen sind oft mit starken Emotionen verbunden. Dabei kann es leicht passieren, die Gesprächspartnerin zu verletzen oder in eine Spirale der Auseinandersetzung zu geraten.

Beispiel:

„Es ist deine Schuld, dass mein Lieblings-Pulli eingegangen ist. Du hast ihn zu heiß gewaschen.“

Die Besserwisserin herauszukehren, kann beim Gegenüber dazu führen, die Augen zu verdrehen und eine Abwehrhaltung zu erzeugen. Kommt das häufig vor, führt es dazu, dass sich Gesprächspartnerin schlecht fühlt, abgewertet und an Selbstvertrauen verliert.

Beispiel:

„Ich hab dir schon 100 Mal gesagt, dass du mehr lernen sollst!“

Ein ironischer Kommentar ist auch nicht gerade wertschätzend. (Vorschul-)Kinder können mit Ironie noch gar nicht umgehen, sie verstehen sie einfach noch nicht. Doch auch ältere Kinder und Erwachsene merken, dass diese Art der Kritik unangenehm und verletzend sein kann.

Beispiel:

„Meine Güte, du willst doch nicht so aus dem Haus gehen?“

Verurteilungen werten den ganzen Menschen ab – nicht nur eine einzelne Handlung. Das ist nicht nur verallgemeinernd, sondern beschämend und demotivierend. Wie sollen die beiden Gesprächspartner wieder auf eine gleichwürdige Ebene kommen und sich gegenseitig achten?

Beispiel:

„Du bist doch dumm wie Haferstroh!“

Wie du sprachlich neue Perspektiven aufzeigst

Konstruktive Kritik üben

Anstatt der destruktiven Kritik wäre nun zumindest mal die konstruktive Kritik hilfreich:

  • Statt persönlich verletzend besser sachlich bleiben
  • Konkretes Fehlverhalten benennen und Alternativen für die Zukunft empfehlen
  • In Ton und Mimik neutral bis wohlwollend sein

Konstruktive Kritik bedeutet, einer anderen Person zu helfen, sich weiterzuentwickeln.

Wertschätzend ansprechen

  • Nutze den Namen in der Ansprache, um die Person freundlich anzusprechen.
  • Stelle Blickkontakt her, um Kontakt herzustellen.
  • Falls dein Gegenüber gerade mit etwas beschäftigt ist, lass ihm einen Augenblick Zeit, um sich dir zuzuwenden. So stellst du sicher, dass deine Botschaft ankommt.

Das sind die 3A – Ansprechen, Anschauen, Atmen, die ein ganz wesentlicher Schlüssel für jede Art der Kommunikation sind.

Auf Bewertungen verzichten

Wer bin ich, um bewerten und beurteilen zu können, ob das Bild „schön“ gemalt, das Kind „ordentlich“ am Tisch sitzt, die Teenagerin ihre Kleidung „gut“ gewählt hat. Es ist ja immer meine momentane Perspektive auf die Situation. Und selbst meine Bewertung könnte übermorgen oder in drei Jahren anders sein. Fragen wir drei Personen um ihre Meinung zu einem Bild des Künstlers Joan Miró bekommen wir auch drei verschiedene Meinungen.

Gerade bei Kindern gibt es so viele andere Möglichkeiten, Wertschätzung zu vermitteln, anstatt zu loben. In meinem PDF Wertschätzen statt loben leicht gemacht für Eltern und pädagogische Fachkräfte findest du dafür jede Menge Tipps und Beispiele. Mit der Anmeldung zu meinem Newsletter „Sprachnachrichten“ kannst du es dir herunterladen.

Mockup für ein PDF zum Thema Loben

Den Blick in die Zukunft lenken

Das kann zum einen bedeuten, in konstruktiver Form mithilfe gezielter Fragen einen möglichen Lösungsweg aufzuzeigen.

Beispiel:

„Hast du eine Idee, wie du es beim nächsten Mal anders machen kannst? Was brauchst du, damit es gelingen kann?“

Das kann auch bedeuten, dem Gegenüber ganz allgemein Zuversicht zu vermitteln: „Du wirst das lernen.“ Mit meinem Schlüsselsatz in der Erziehung bewirke ich bei Kindern Zuversicht, Zukunftsorientierung und Bereitschaft zum Lernen. Ich vermittle dem Kind – und auch den Eltern – meine Geduld und positive Erwartung. Dieser Satz kann selbstverständlich auch für Jugendliche oder Erwachsene in einer herausfordernden Situation gelten. Dann kann es bedeuten, dass sie lernen werden, mit der Situation umzugehen.

Das Gelingen in den Blick nehmen

Mir ist es hilfreich, ab und an ein Wort besonders in den Blick zu nehmen und aktiv und bewusst in meinen Sprachgebrauch aufzunehmen. Mit dem Wort „gelingen“ richte ich meinen Fokus auf das Glücken, Erfolg haben, leicht gehen. Das bedeutet nämlich das Wort „gelingen“ in seinem Ursprung.

Auch wenn eine Aufgabe schwierig ist, eine Situation herausfordernd: Manchmal bringen andere Formulierungen eine Wende. Lass uns Beispiele finden, um „gelingen“ zu nutzen:

  • „Ich wünsche dir gutes Gelingen!“
  • Die Überraschung ist dir vollauf gelungen.“
  • „Der Kuchen ist mir gut gelungen.“
  • „Mit etwas Übung wird dir das bestimmt gelingen.“

Überdenke deine Haltung zu Fehlern

Fehler sind Freunde. Ich weiß nicht, von wem ich das gehört habe. Falls es ein berühmtes Zitat ist, schreib mir bitte, von wem es ist. Jedenfalls lernen wir in aller Regel etwas aus unseren Fehlern – sofern wir dazu bereit sind und uns andere wegen der Fehler nicht vorher mies gemacht haben. Konstruktive Kritik ist aufbauend, nützlich und förderlich.

Wir sind alle Lernende auf dem Weg des Lebens. Dabei passieren Fehler, Missgeschicke, Irrtümer. Das ist normal. Nicht normal hingegen ist, dass wir andere dafür verurteilen. Oder uns selbst. Wir können jeden Tag neu mit den Fehlern umgehen. Also: Jetzt ist der Zeitpunkt, damit anzufangen.

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