Wie du dir in der Erziehung weniger Druck machst

Heike Brandl mit Druckmesser

Druck erzeugt immer Gegendruck. Das ist ein physikalisches Gesetz. In der Erziehung kommt der Gegendruck von deinem Kind. Je nach Temperament leistet es passiven Widerstand und spielt einfach weiter, setzt die Kopfhörer auf oder verlässt das Zimmer. Oder es „trotzt“, schreit und jammert, gibt Widerworte oder verhandelt. Ich gebe dir Tipps, wie du mit weniger Druck in der Erziehung mehr erreichen kannst. Und ich kann dir versichern: Sie sind alle selbst erprobt.

Entlarve die Druck-Macher!

Hast du eine 40-Stunden-Woche? Und hat dein Kind auch eine 40-Stunden-Woche? Ja, Kita oder Ganztags-Schule sind für Kinder genauso anstrengend, wie dein Beruf für dich. Auch wenn es oft Freude macht. Das Spiel ist die Arbeit des Kindes.

Es setzt sich den ganzen Tag mit Anforderungen von Erzieher:in, Lehrkraft und anderen Kindern auseinander. Es soll dann leise sein, wenn es jemand fordert, zur rechten Zeit die richtige Antwort wissen, vernünftig sein, sich nicht streiten, nur essen, wenn Frühstückspause oder Mittagessen ist und so weiter.

Kurz: Es soll den ganzen Tag funktionieren. Kein Wunder, dass es zu Hause dann einfach auch mal fünfe gerade sein lassen will, seine Ruhe haben will oder wegen des Ärgers auf dem Heimweg seine Tasche in die Ecke wirft. Kinder brauchen Pausen. Und dann brauchst du nur so etwas Simples zu sagen, wie: „Wir müssen noch schnell zum Einkaufen.“ und dein Kind explodiert.

Es gibt also Druck, der strukturell bedingt ist, solchen der aus gesellschaftlichen Erwartungen erwächst und es gibt Druck, den du dir mit deiner Sprache machst.

Heike Brandl - Kind hört nicht auf Mutter

Strategie-Tipps für weniger Druck

  • Checke euren Wochenplan! Was ist ein guter Ausgleich? Was macht Freude? Was kann weg?
  • Vereinbare Zusatztermine wie Zahnarzt und Co. nach Möglichkeit nur einmal pro Woche und nicht auf den gleichen Tag wie die Hobby-Termine.
  • Schafft euch ein gemeinsames Pausen-Ritual: Gönnt euch, wenn ihr nach Hause kommt, einen Tee oder Kakao und eine halbe Stunde kuscheln. Siesta für alle hilft, den weiteren Tag gelassener anzugehen.
  • An welchen Stellen können weitere Rituale unterstützen? Viele Familien haben gute Erfahrungen damit, Kleidung am Vorabend auszuwählen und bereitzulegen. Gleiches gilt für Schul- und Sportzeug oder deine Einkaufsliste.
  • Simplify your life: Allzeit perfekt gestylt, täglich gesundes, frisches Essen auf dem Tisch, die noch tollere Geburtstagsparty – wem dienst du damit? Sind es deine eigenen Ansprüche und Werte oder die anderer Leute? Was kannst du vereinfachen?

Sprach-Tipps für weniger Druck

Nichts geht schneller, wenn du dauernd „schnell“ sagst

Auch in der Sprache gibt es Druck-Macher, Antreiber und Beschleuniger. Gehörst du auch zu den Menschen, die gewohnheitsmäßig „schnell“ sagen?

„Ich gehe schnell ins Büro.“
„Ich muss noch schnell die Unterlagen kopieren.“
„Ich koche noch schnell die Nudeln.“
„Ich bringe noch schnell die Kinder ins Bett.“

Ganz anders klingt

„Ich gehe ins Büro.“
„Ich kopiere noch die Unterlagen.“
„Ich koche jetzt die Nudeln.“
„Ich bringe die Kinder ins Bett.“

Die Sätze mit „schnell“ wirken hektisch, erzeugen Druck und Unruhe. Ohne „schnell“ wirkst du ruhig und souverän. Entlarve die Antreiber in deiner Sprache und entlaste dich. Das wird auch dein Kind spüren.

Wie lauten deine Sätze mit „schnell“?
Und wie oft sagst oder denkst du solche Sätze?

Falls du jetzt denkst „30-mal am Tag sage oder denke ich das schon“, kann ich dich beruhigen. Du befindest dich in bester Gesellschaft. Das ist eine Zahl, die ich häufig höre. Doch – nur weil es alle sagen, bedeutet es nicht, dass es gut ist. Ich bitte dich, dir bewusst zu machen, wie oft du das dann im Jahr sagst oder denkst. Stell dir vor, wie sich über 10.000-mal „schnell“ auf dich und dein Kind auswirkt. Jedes Wort wirkt.

Das „schnell“ kannst du in den allermeisten Fällen einfach weglassen. Bringe die Kinder ins Bett, ruhig und gelassen. Dann wird es eher gelingen, als wenn du das schnell machen willst. Jedes „schnell“, das du weglässt, entschleunigt euren Alltag.

Sicher wünschst du dir, dass dein Kind die Hausaufgaben sorgfältig und ordentlich erledigt. „Schnell, schnell“ wäre da unpassend. Hört es diese Wörter jedoch ständig, wird es das auch auf die eigenen Aufgaben übertragen. Gerade wenn es spürt, dass du das häufig bei den eher ungeliebten Arbeiten sagst. Sprache ist ansteckend. Eine achtsame und besonnene Ausstrahlung beginnt in deiner Wortwahl.

Weniger „müssen“, mehr handeln

Herausfordernde Situationen entstehen oft, wenn du zu viel Druck erzeugst. In der Sprache entsteht Druck auch durch das Wort „müssen“, das wir in unserem Alltag viel zu oft benutzen. 

Wie oft sagst du solche Sätze?

„Ich muss noch schnell den Herrn Meier anrufen. Dann muss ich noch zum Einkaufen. Morgen müssen wir zur Oma fahren. Und übermorgen müssen wir zum Frisör.“

Schon beim Schreiben drückt es mich im Magen. Geht es dir beim Lesen auch so? Diese häufigen „müssen“ machen dir selbst und deinen Kindern Druck. Und sie zeigen noch etwas: Dein Alltag ist fremdbestimmt. Nimm dein Leben selbst in die Hand. Wie das mit Sprache gehen soll? Hier kommt die Lösung:

Nutze das „müssen“ nur noch dann, wenn es tatsächlich um etwas Dringendes geht. Bei Alltagsaufgaben kannst du das „müssen“ einfach weglassen. Benenne nur das tatsächliche Handeln:

Ich rufe jetzt Herrn Meier an und anschließend gehe ich zum Einkaufen.“

Du wirst merken, dass das schon einen wesentlichen Unterschied macht. Indem du „müssen“ in deiner Sprache reduzierst, wirkst und wirst du gelassener und dann wird es dir gelingen, besser mit dem umzugehen, was dein Kind gerade aus der Kita oder Schule mit nach Hause bringt.

Entdecke die Zukunft neu

Die Beispielsätze mit „müssen“ standen alle im Präsens, in der Gegenwartsform. Damit packst du dir die Gegenwart voll. Zu voll. Und du tust es sogar mit Aufgaben, die erst in ein paar Tagen anstehen und auch mit Aufgaben, die an sich schön sind. Und jetzt kommt das Wesentliche: 

Nutze bei Aufgaben, die erst in der Zukunft stattfinden, auch die Zukunftsform, das Futur 1: „Ich werde etwas tun.“ Dann klingen die Beispiele von eben so:

Morgen werden wir zur Oma fahren und übermorgen werden wir zum Frisör gehen.“

Das ist ungewohnt und klingt anfangs ein wenig fremd. Doch ich bin sicher, du wirst noch mehr Ruhe und Struktur in dein Leben und damit deine Familie bringen.

Vater und Kind schauen sich lachend an

Die Zeit-Diebe sind unterwegs

Es gibt noch weitere Wörter und Redewendungen, die Druck und Hektik erzeugen. Hier sind ein paar Beispiele: beeilen, Stress, hetzen, drängeln, dringend, mal eben, noch kurz, aufs Tempo drücken, Gas geben, einen Zahn zulegen, auf die Tube drücken …

Welche dieser Wörter und Redewendungen gebrauchst du?

Mache dir bewusst, welche du nutzt. Meist hilft es, eine vertraute Person um Mithilfe bei der Beobachtung zu bitten. Gemeinsam macht es sowieso mehr Spaß. Ihr habt außerdem den Effekt, dass diese Person gleich mitlernt und sich dein Umfeld weiterentwickelt.

Etwas speziell ist der Gebrauch der Redewendung „Ich habe keine Zeit.“ Viele Menschen nutzen „Zeit haben“ nur in dieser verneinenden Form. Hier sind ein paar Alternativen:

„Ich gönne mir die Zeit für eine Pause.“
„Ich nehme mir Zeit für einen Spaziergang.“
„Ich habe heute viel Zeit, um mit dir zu etwas zu spielen.“

Verfügst du souverän über deine Zeit?
Was vermittelst du deinem Kind mit „Zeit haben“?

Was erreichst du mit weniger Druck in der Erziehung?

Ob es um das Thema Fremdbestimmung, (zu) voller Terminkalender, Perfektionismus oder zu wenige Pausen geht – all das wird sich in deiner Sprache zeigen. Indem du dir bewusst machst, was bei dir die Druck-Macher sind, wirst du sie schrittweise reduzieren können. Das bringt dir auf verschiedenen Ebenen Ruhe, Gelassenheit, Zuversicht und Souveränität.

Diese Ausstrahlung wird dein Kind spüren und ihr werdet einen anderen, neuen Umgang miteinander lernen und pflegen. Das ist nur der Anfang. Versprochen.

Lesen ist dir zu wenig? Du willst lieber in der Gruppe weiterlernen? Dann melde dich gleich an!


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