Friedliche Sprache in der Pädagogik

Zwei Menschen reichen sich die Hände symbolisiert miteinander Frieden schließen

Im Februar 2019 schrieb ich diesen Artikel für meine frühere Website. Wer konnte ahnen, dass 2022 in Europa ein Krieg stattfindet? Umso wichtiger, dass du und ich, als Eltern, als Erzieher:in, als Lehrkraft eine friedliche Sprache in der Pädagogik in den Blick nehmen. So habe ich den Artikel nun leicht überarbeitet.

Wie ich kriegerische Sprache in Kita oder Schule wahrnehme

Kennst du solche Sätze?

  • Halts Maul, du Idiot!“
  • Schlagt das Buch auf Seite 43 auf!“
  • Du kriegst den Roller später.“
  • Oh, das hat ja mal wieder nicht hingehauen!“

Nun, wenn du meinen Artikel Kriegerische versus friedliche Sprache bereits gelesen hast, weißt du jetzt schon ein Stück weit worauf ich hinauswill. Diesmal werde ich das Thema aus pädagogischer Sicht beleuchten. Ich habe dafür Beispiele aus der Familie gewählt sowie aus Kindertagesstätte und Schule – es geht also um Kinder verschiedener Altersstufen. Du wirst erfahren, wie du auf vier Ebenen friedliche Sprache in die Pädagogik bringen kannst.

Oftmals ist der Umgangston zwischen Schülern und Schülerinnen ruppig und von Kraft- oder Gewaltausdrücken geprägt. Wahrscheinlich ist dir das genauso unangenehm wie mir. Durch diese Ausdrücke schwingt etwas in der Luft, das die Atmosphäre regelrecht vergiftet. Jugendliche sind sich meist nicht bewusst, wie oft sie solche Wörter sagen und dass sie Menschen verletzen können.

Auch in der Kita beginnt das manchmal bereits. Meist stört die Erzieher:innen eher das ständige Spiel von kämpfenden Rittern, Piraten oder Aliens. Vielleicht hat das auch zur Faschingszeit eine Hochkonjunktur. Doch natürlich werden dabei ganzjährig auch Szenen aus Fernsehsendungen oder Computerspielen nachgeahmt:

Ich schieß dir in den Mund!“

Kind (5 Jahre) in der Kita

hörte ich neulich. Doch es führt erheblich weiter: Welchen Anlass hat ein 4jähriger, mitten in einem Würfelspiel zu sagen „Oh, ich krieg einen Schlag auf den Kopf.“ – nur damit die anderen lachen?

Gewaltsprache ist in unserer Gesellschaft so verbreitet, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen – und damit gesellschaftsfähig machen.
Heike Brandl

Hier will ich ansetzen.

Kanone auf der Festung Suomenlinna Helsinki
2018 Helsinki – Festung Suomenlinna – Ich denke über Krieg und Frieden nach

Ebene 1 – Wahrnehmen

Mach dir deinen eigenen kriegerischem Wortschatz bewusst. Das erfordert eine hohe Aufmerksamkeit. Ich gebe dir einige Beispiele:

  • Hier sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte!“
  • Ich habe einen Vorschlag für dich!“
  • „Du kriegst einen neuen Tischnachbarn.“
  • „Ich nehme diese Aufgabe in Angriff.“

Manche Formulierungen kommen tatsächlich aus den Kriegsjahren vergangener Zeiten. Wir haben jetzt seit über 70 Jahren Frieden in Deutschland. Wir können, dürfen und sollten diese Ausdrücke jetzt endlich hinter uns lassen. Es ist längst an der Zeit. Jeder Vorschlag ist erstmal ein Schlag.

Zum Thema „schlagen“ und „kriegen“ habe ich im Artikel Kriegerische versus friedliche Sprache bereits ausführlich den Hintergrund erklärt. Ich weiß, dass es eine echte Herausforderung ist, die gewohnten Wörter hinter sich zu lassen. Doch – wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! Gib dir Zeit!

zwei Kinder streiten
Die Kraft der Fäuste oder die Kraft der Argumente?

Ebene 2 – Vorbild sein

Wähle dir eine Situation aus dem privaten oder beruflichen Alltag, in der du ein Wort oder eine Redewendung aus dem kriegerischen Bereich gebrauchst. Reduziere den Gebrauch! Finde dafür eine neue Formulierung und integriere diese für vier Wochen bewusst in deine persönliche Sprache. Beobachte, welche Wirkung diese Änderung deines gewohnten Sprachgebrauchs auf dich und dein Umfeld hat. Wandle die oben genannten Sätze beispielsweise so:

  • Öffnet bitte euer Buch auf Seite 43!“
  • Du bekommst den Roller nach Tim.“
  • Oh, beim nächsten Mal wird es dir gelingen!“
  • Ich habe eine Anregung/eine Idee … für dich.“
  • Ich beginne mit dieser Aufgabe.“
  • Ihr habt ein großes Chaos!“
  • Du bekommst einen neuen Tischnachbarn.“

Du hast als Eltern, Erzieher:in oder Lehrer:in einen doppelten Erziehungsauftrag: Du erziehst die Kinder und du erziehst auch dich selbst dazu, ein gutes Vorbild zu sein. Dies gilt nicht nur für die dir anvertrauten Kinder. Du bist auch ein Modell für andere Eltern, Kolleg:innen oder Praktikant:innen. Entsprechend wird es auch ein neues Klima in deiner Familie, deiner Gruppe oder Klasse geben.

Wenn Kinder friedlich miteinander spielen wollen, anstatt zu kämpfen oder sich zu schlagen, werden sie auch weniger Panzer und Pistolen bauen und malen.
Heike Brandl

Menschen können mit einer bewussten Sprache dazu beitragen, hinter das Belastende der Kriegsvergangenheit friedvoll einen Schlussstrich zu ziehen. Kinder lernen mit einer friedvollen und ruhigen Sprache ihrer Eltern und Pädagog:innen Konflikte auf sachliche Weise zu lösen. Wer eine klare, wertschätzende Sprache spricht, braucht keinen Druck- und Gewaltwortschatz, um seine Ziele zu erreichen. Wer klar spricht, führt mit der Kraft der Argumente und mit seiner persönlichen Ausstrahlung.

Ebene 3 – Sensibilisieren

Bei Schüler:innen ist die Herangehensweise selbstverständlich sehr altersabhängig. Bei den Jüngeren ist es hilfreich, mit ihnen gemeinsam sprachliche Alternativen zu finden. Eine humorvolle Herangehensweise ist dabei sinnvoll: „Oh, was war denn das für ein Wort? Du nimmst da etwas in den Mund, das ich nicht mal mit bloßen Händen anfassen würde.“ Statt „Scheiße“ geht z.B. „Oh, nein!“ oder „Das ist ja doof!“

Mach die Schüler:innen darauf aufmerksam – freundlich und wertschätzend – dass dir bestimmte Ausdrücke in Ohren und im Herzen wehtun. Etwas Theatralik unterstützt die Einsicht durchaus. Thematisiere deine Sichtweise: Sag ihnen, dass dir Wertschätzung und gegenseitige Achtung wichtig sind. Frage die Schüler:innen, wie unterschiedliche Sätze auf sie wirken. „Halts Maul du Idiot!“ bzw. „Bitte sei leise! Ich will mich konzentrieren.“

Du kannst den Schüler:innen die Vorteile friedlicher und gelassener Reaktionen in Konfliktsituationen deutlich machen: Der oder die andere ist nicht beleidigt, Streit wird ausbleiben und deine Ohren freuen sich! Du selbst bist den Schüler:innen Vorbild. Wenn du erst einmal dafür sensibilisiert bist, wird es dir leicht gelingen.

Übrigens: Das Wort „Pädagoge“ stammt aus dem Griechischen und leitet sich von „Führen“ ab. Führe deine Schüler:innen und Kita-Kinder mit einer klaren, wertschätzenden und wirkungsvollen Sprache.

Heike Brandl Am Nordkapp: Reliefs "Kinder der Welt" von Eva Rybakken
2018 am Nordkapp: Ich stehe vor den beeindruckenden Reliefs „Kinder der Welt“ von Eva Rybakken

Das Relief symbolisiert für mich den Wunsch der Kinder nach Frieden auf der Welt. Ich war tief berührt.

Ebene 4 – „Frieden“ einführen

Achte in den nächsten Wochen auf das Wort „Frieden“ in deinem Sprachgebrauch. Wann und in welchem Kontext sagst du es? Finde einige Sätze, in denen du die Wörter „Frieden“, „friedlich“ und „friedvoll“ oder andere Redewendungen mit Frieden in deiner Sprache bereits gebrauchst.

  • Seid friedlich!“
  • Ich liebe den Frieden.“
  • Wir wollen in Frieden und Freundschaft miteinander leben.“
  • Wir wollen Frieden schließen.“
  • „Ich wünsche mir, dass ihr friedlich zusammenspielt. Ich will in Frieden leben.“ (wenn Kinder kämpfen oder schießen spielen)
  • Bist du zufrieden mit deinem Ergebnis? Ich bin damit zufrieden!“
zwei Kinder reichen sich die Hände, schließen Frieden
„Lass uns Frieden schließen.“

Achte darauf, dass du das Wort „Frieden“ sinnkonform verwendest. Oftmals kennen Kinder nur die Redewendungen „Friede – Freude – Eierkuchen“. Oder sie hören die in gereiztem Ton gesprochene Ermahnung „Jetzt gebt endlich Frieden!“ So können die Kinder nichts damit anfangen. Wenn das Wort für die Kinder noch neu ist, haben sie kein Bild davon, wie dieses „friedlich“ aussehen kann. Daher ist es notwendig, dass du „friedliche“ Situationen als solche benennst:

  • Heute habt ihr friedlich in der Gruppe zusammengearbeitet.“
  • Ich wünsche euch eine friedliche und fröhliche Pause!“

Eine Kollegin benutzt diesen Satz ganz regelmäßig. Nach der Pause fragt sie wieder einzelne Schüler:innen: „Hattest du eine friedliche und fröhliche Pause?“ – Die Kinder antworten: „Ja, ich hatte eine friedliche und fröhliche Pause.“ So gelangt das Wort in den Wortschatz der Kinder. Und die Atmosphäre in der Klasse wird eine friedliche sein.

Eine Ernte gibt es nur wenn du säst und die Saat hegst und pflegst!
Heike Brandl

Friedliche Sprache in der Pädagogik sollte selbstverständlich sein. Sei Vorbild und bringe die Wörter und Redewendungen in den Unterricht, die Familie und die Kita, die du hören willst. Sprache steckt an! Und sei geduldig, die Saat auf dem Acker braucht auch einige Monate.

Das gilt übrigens auch für andere Wörter. Brauchst du eine Inspiration? Hier gibt es 50 und mehr Wohlfühlwörter, die deine Sprache bereichern.

Ich wünsche dir gutes Gelingen!

Einen sehr lesenswerten Artikel zum Thema „Mit begabten Kindern über den Krieg sprechen“ hat meine Blogger-Kollegin Dina Mazzotti geschrieben. Im Sinne von Inklusion: Egal wie begabt deine Kinder sind – die Tipps sind für alle hilfreich.


Ist das ein Thema für deine Kita, deine Schule? Die Reflexion im Team und eine Neuorientierung durch Wertschätzung und friedliche Sprache kann mit einem Seminar beginnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.