10 Tipps zum sinnvollen Loben

Kind auf einem großen Felsen sitzend

Im Rahmen eines Online-Workshops „Mit klarer Sprache mehr erreichen“ kamen wir kürzlich auf das Thema „sinnvoll Loben“. Auch in Workshops, wo es vordergründig um berufliche Themen geht, gelangen die Teilnehmer:innen immer wieder auf familiäres. Sprache ist einfach auch immer ein Schlüssel in der Erziehung. Ich erklärte den Teilnehmer:innen, was ich beim Thema „sinnvoll Loben“ für wichtig halte:

1. Reduziere die pauschalen Lob-Wörter

Häufig werden folgende Wörter gebraucht: „toll – klasse – spitze – gut gemacht – schön – super“. Sie sind wenig aussagekräftig und wirken floskelhaft. Dabei hat unsere Sprache eine große Vielfalt an Adjektiven. Mit ihnen kannst du ganz leicht den Wortschatz des Kindes erweitern und gleichzeitig wesentlich persönlicher wirken. Benenne ganz konkret:

Beispiel bei einem 3-jährigen Kind: „Du hast viele Farben für dein Bild benutzt. Es ist ganz kunterbunt.“

Tipp: Einige passende Adjektive zum Loben findest du auch in meinen 50 Wohlfühlwörtern.

2. Beschreibe, was du beobachtest

Beispiel bei einem Kita-Kind: „Ich sehe, dass du jetzt die Tür allein aufschließen kannst.“

Solche konkreten Beschreibungen signalisieren dem Kind deine Aufmerksamkeit sowohl auf die Person als auch auf das gelungene Handeln (oder die Anstrengung, Konzentration …).


Nach diesen zwei Tipps ließ ich es im Workshop erst einmal bewenden, denn es war nur ein Thema am Rande. Doch dann ist mir ein paar Tage später noch ein Bild dazu begegnet, worin es auch um Alternativen zu diesen Lob-Wörtern ging. So dachte ich spontan, das soll wohl so sein, also mach was draus! Ich hatte die Idee zu einem Aushang dazu für Eltern in einer Kita. Ich überlegte, recherchierte und fasste zusammen. Doch dann – bevor ich es aufhängen konnte, beobachtete ich mich nochmal selbst dazu. Und ich merkte, dass ich – und Eltern und pädagogische Fachkräfte in meinem Umfeld – ganz oft in diese Spontanitäts- und Gewohnheits-Falle tappten. Na sowas.

Wann immer ein Kind etwas zeigt, was gebaut, gemalt oder geschafft hat, reagieren wir Erwachsenen mit „Oh, das ist aber schön geworden, klasse.“ und den anderen oben genannten Lob-Wörtern. Ebenso reagieren wir, wenn das Kind etwas macht, wozu wir es eben aufgefordert haben oder was wir einfach erwarten.

Ist das sinnvoll, ein Kind den ganzen Tag zu loben?

Okay, Kritik üben ist jetzt keine Alternative. Doch worum geht es denn hier dem Kind wirklich, wenn es von sich aus auf uns zukommt? Hier geht es in der Regel darum, die Aufmerksamkeit, Zuwendung und Wertschätzung des Erwachsenen zu bekommen.

Diese können wir auf unterschiedliche Weise zeigen:

3. Wende dich dem Kind zu

Hier meine ich die tatsächliche körperliche Zuwendung, ein Umdrehen oder herunter knien, je nach Situation und Alter des Kindes.

4. Suche den Blickkontakt

Leuchtende Augen vermitteln genau so viel Stolz wie ein „spitze“. Begib dich, so oft es geht, auf Augenhöhe. Wertschätzung zeigt sich auch durch Gleichwertigkeit.

5. Schenke dem Kind ein Lächeln

Oder ein Nicken, Körperkontakt je nach Alter und Anlass. Der 12-Jährige findet eine Umarmung vor seinen Freunden möglicherweise uncool.

6. Stelle eine offene Frage

Damit signalisierst du dein ehrliches Interesse.

Beispiel: „Wie bist du auf diese Idee gekommen?“ – „Bist du zufrieden mit dem Aufsatz?“

Wie kamen wir bloß auf die Idee, dass Loben so wichtig sei?

„Du kannst gar nicht genug loben, das braucht dein Kind für sein Selbstbewusstsein.“ Ich weiß nicht, wer diese Theorie in die Welt gesetzt hat, doch hängt es vielleicht mit der Kindheit der jetzigen Eltern- und Großelterngeneration zusammen. Lob gab es nur für besondere und hervorragende Leistungen. „Folgen“ war selbstverständlich, ebenso je nach Alter kleine und große Aufgaben in Haushalt, Garten, Hof oder Betrieb mitzuübernehmen. Wer dem nicht nachkam, wurde geschimpft, bekam eine Standpauke oder auch ein paar Ohrfeigen. Kritik und Rügen waren an der Tagesordnung.

So gab es möglicherweise den Schwenk zum Gegenteil. Übermäßiges Lob für Kleinigkeiten, übermäßiges wichtig nehmen von (altersgemäßen) Entwicklungsfortschritten bis hin zum übermäßigen Schützen vor Erfahrungen (solchen, aus denen Kinder etwas lernen).

Wie wir Selbstwirksamkeit stärken können

Selbstvertrauen ist wichtig. Doch es entsteht nicht durchs Loben. Es wächst, wenn das Kind merkt, dass es selbst etwas gelernt – geschafft – erreicht hat. Es erfährt dabei seine Selbstwirksamkeit. 

„Unter Selbstwirksamkeit (self-efficacy beliefs) versteht die kognitive Psychologie die Überzeugung einer Person, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Geprägt wurde der Begriff von dem amerikanischen Psychologen Albert Bandura.“ 

Mein Sohn ist erfolgreicher Leistungssportler. Das ist er nicht, weil wir ihn für seine Leistungen gelobt haben. Er hat es soweit geschafft, weil er es sich zugetraut hat (neben einigen anderen Bedingungen wie Talent, Ehrgeiz und Disziplin).

7. Traue dem Kind erreichbare Aufgaben zu

Bestärke es darin, dass es etwas schaffen kann. Stärke dieses Vertrauen in sich selbst, in dem du dem Kind seine Herausforderungen deutlich machst. Benenne konkret, was du wahrnimmst: die Anstrengung, mögliche Widerstände, die Handlung, das Ergebnis, die Gefühle des Kindes.

Beispiel: „Ich habe gesehen, wie du es gerade so geschafft hast, da hochzuklettern. Du hast bestimmt deine ganze Kraft gebraucht. Du siehst richtig stolz aus.“

Welche Folgen hat nun übermäßiges Lob?

Manche Menschen sagen, „Lob dein Kind nicht ständig, du verwöhnst es und es wird abhängig von deinem Lob.“ Da ist etwas dran. Lob kann auch süchtig machen. Wer ständig und übermäßig Lob bekommt, kann schlecht damit umgehen, wenn es ausbleibt.

Ist das Kind nur noch bereit, bestimmte Aufgaben oder Alltagshandlungen zu erledigen, wenn es dafür Lob oder Belohnungen bekommt, wird klar, dass wir auf „gefährlichem“ Terrain unterwegs sind. Wollen wir uns erpressen lassen? Oder finden wir es tatsächlich gut, das Kind zu erpressen? Wer Leistung nur gegen Lob zeigt, dem fehlt letztlich die innere, sogenannte intrinsische Motivation.

Wie wir Fremdwahrnehmung fördern können

Verhalten wirkt sich jedoch nicht immer nur auf das Kind selbst aus. Niemand ist eine Insel, heißt eine Redewendung. Für Kinder ist es eine große Lernaufgabe, zu erkennen, dass sie nicht immer und überall das Zentrum der Welt sind. Sie beeinflussen mit ihrem Tun und Lassen das Leben anderer Menschen. Daraus ergibt sich ein weiterer Punkt:

8. Zeige dem Kind auf, welche Auswirkungen sein Handeln auf andere hat

Beispiel: „Du hast Tim die Schaufel gegeben. Sieh mal, wie er sich jetzt freut.“

Hier ist kein Lob notwendig. Die Beschreibung der Folgen des kindlichen Handelns reicht aus. Daraus kann das Kind wiederum Schlüsse für sein künftiges Handeln ziehen.

9. Danke deinem Kind

„Ich danke dir.“ ist ein Satz, mit dem wir uns dem Gesprächspartner ganz zuwenden, ihm unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Er bedeutet weit mehr als das kurze „danke“ im Vorbeigehen. Damit zeigen wir dem Kind unsere Wertschätzung. Das liegt an den persönlichen Fürwörtern „ich“ und „dir“. Sie schaffen die Verbindung zwischen uns. Und wir sind dem Kind ein gutes Beispiel. Sprache steckt an.

Für ein freundliches, hilfsbereites Verhalten ist kein Lob, sondern ein Dank sinnvoll, z.B. „Ich danke dir, dass du den Tisch gedeckt hast. So können wir gleich mit dem Essen beginnen.“

Danken stärkt außerdem die Bindung. Mehr dazu liest du in Bindung und Kommunikation in der Kita. Auch als Eltern findest du hier wertvolle Anregungen.

10. Verzichte auf Bewertungen

„Gestern war es aber schöner – höher – besser.“, oder „Das ist schon recht gut, aber Tim kann es besser …“ Wem nützen solche Vergleiche? Erinnere dich: Wie hast du dich gefühlt, wenn jemand anderes sowas zu dir gesagt hat? Das sind Sätze, die dem Kind die Freude am augenblicklichen Handeln nehmen und es abwerten.

Zurück zu meinem eigenen „Lob-Verhalten“

Wie kann ich das künftig so machen, wie ich es jetzt zusammengestellt habe? Auch bei mir lässt sich kein Schalter umlegen, so dass ich alles plötzlich perfekt mache. Den ersten Schritt habe ich schon getan. Durch die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema und dem Aufschreiben habe ich bereits einen ersten Lerneffekt erreicht. Nun werde ich so vorgehen wie immer, wenn ich etwas neu in meiner Sprache entwickeln will:

  • Ich werde bei anderen Menschen beobachten, wie sie damit umgehen.
  • Dann werde ich mir selbst genauer zuhören. Welches sind meine typischen Redewendungen, die ich ersetzen will?
  • Und dann werde ich nach und nach einzelne Punkte in meine Alltagssprache aufnehmen. Dafür werde ich mir gezielt Situationen auswählen, in denen ich das üben kann.

So wird es mir sicher gelingen. Und so wird es auch dir gelingen.


Dieser Artikel erschien erstmals am 20.05.20 auf meiner früheren Website und wurde hier leicht überarbeitet.

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Kategorisiert in Pädagogik

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