5 Dinge, die Eltern übers Nervensystem wissen sollten

Heike Brandl

Genauer gesagt geht es hier um das, was Eltern über das autonome Nervensystem wissen sollten. Außerdem ist es nicht nur für Eltern, sondern für alle Menschen relevant, die mit Kindern arbeiten: Erzieherinnen und Lehrer, andere pädagogische und therapeutische Fachkräfte und natürlich auch Großeltern.

Ich befasse mich nun seit etwa einem Jahr intensiv mit dem Thema Nervensystem und bin in einer Weiterbildung zum Thema Stressregulation. Die Neurowissenschaft hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und wir können heute damit viele Zusammenhänge erklären. Das reicht vom alltäglichen kindlichen Verhalten bis zum Kollegen, der „mal wieder völlig überreagiert“, vom Burnout bis zu ADHS-Symptomatik.

Mir ist es ein Anliegen, mein Wissen hier zu teilen und damit kindliche Verhaltensweisen ein Stück weit nachvollziehbarer zu machen. Denn: Wissen schafft Orientierung und Orientierung gibt Sicherheit. Wenn du sicherer bist, kannst du diese Sicherheit auch deinem Kind vermitteln. Im besten Fall kannst du dann auch angemessen auf das kindliche Verhalten reagieren.

Fangen wir mal mit den Basics an …

Das autonome Nervensystem arbeitet autonom

Das ist doch klar, oder? Aber was bedeutet es eigentlich?

Dazu brauchen wir erst mal eine kleine Einordnung. Mit meiner folgenden Grafik kannst du dich schon mal orientieren, aus welchen Teilen das Nervensystem überhaupt besteht.

Grafik Nervensystem Übersicht über verschiedene Zweige
Einordnung des autonomen Nervensystems

Kurz gesagt, das autonome Nervensystem steuert automatische oder auch unwillkürliche Körperfunktionen. Dazu gehören zum Beispiel Herzschlag, Verdauung, Schlaf. Unwillkürlich heißt dabei: Es bringt nichts, dem Herz zu sagen „Jetzt mach mal schneller!“ noch der Verdauung „Lass mich in Ruhe, ich habe jetzt keine Zeit für dich.“ Oder Schlaf einzufordern mit dem Hinweis, es sei jetzt schließlich schon spät.

Diese Erfahrungen hast du als erwachsener Mensch schon gemacht. Und du kannst sie ebenso auf dein Kind übertragen.

Du siehst auf der Grafik noch eine Aufteilung. Hier beschreibe ich zunächst mal, wofür die verschiedenen Zweige zuständig sind, solange sich der Mensch in Sicherheit fühlt.

  • Das Sympathisches Nervensystem ist für die Aktivierung und Mobilisierung zuständig. Es erhöht den Herzschlag und beschleunigt die Atmung. Eine mittlere Aktivierung ohne Angst ermöglicht uns Spiel und Sport.
  • Das Parasympathische Nervensystem ist für Ruhe und Entspannung zuständig. Es senkt den Herzschlag, beruhigt die Atmung und regelt die Verdauung.
  • Die Polyvagaltheorie nach Dr. Stephen Porges bringt nun noch die Aufteilung des Parasympathischen Nervensystems ins Spiel. Der dorsale Vagusnerv ermöglicht – solange sich der Mensch sicher fühlt – Entspannung, körperliche Erholung, Lernen, Meditation, Intimität und Schlaf.
  • Der ventrale Vagusnerv ist unser soziales Kontaktsystem. Gelangt das Nervensystem zur unbewussten Einschätzung, dass eine Situation oder Begegnung sicher ist, reguliert es alle wichtigen Bereiche des Körpers so, dass Interaktion möglich ist: Atmung, Herzschlag und Muskulatur sind entspannt, die Verdauung arbeitet und versorgt uns mit Nährstoffen, „soziale“ Hormone werden ausgeschüttet, die Mimik ist entspannt, die Stimme melodisch und das Mittelohr wird auf das Hören menschlicher Stimme eingestellt.

All diese Funktionen laufen völlig autonom ab, ohne dass du steuernd eingreifen kannst. Das gesunde Nervensystem pendelt dabei permanent und ganz natürlich zwischen Zeiten der Ruhe und der Aktivität. Ziel des autonomen Nervensystems ist dabei schlicht und einfach das Überleben. Das ist im Menschen schon seit Urzeiten so angelegt.

Was die „innere Wahrnehmung“ bewirkt

Das autonome Nervensystem überprüft ständig die aktuelle Gefahrenlage. Dazu nutzt es die sogenannte Neurozeption (innere Wahrnehmung). Im Zusammenspiel von äußeren Sinnesreizen (Geräuschen, Gerüchen, Seheindrücken, Körperberührungen, Geschmack), Informationen aus dem Körperinneren (z.B. Schmerzen, Kältegefühl, Hunger), Bewegungsimpulsen, Gefühlen, kognitivem Wissen sowie Erinnerungen und Erfahrungen bewertet das autonome Nervensystem eine Situation als sicher, gefährlich oder lebensgefährlich.

Grafik Neurozeption: Die Amygdala bewertet die individuelle Gefahrenlage
Die innere Wahrnehmung (Neurozeption) und ihre Wirkung

Dieser ständige Check läuft wiederum unbewusst ab. Da bei jedem Menschen Wissen, Erinnerungen und Erfahrungen verschieden sind, ist es nur logisch, dass eine individuelle Gefahrenlagebewertung unterschiedlich ausfällt. Wer schon mal ins Wasser gefallen ist, fühlt sich auf einem Boot möglicherweise nicht mehr so sicher wie jemand, der mit „Boot“ Spaß und fröhliche Gemeinschaft verbindet.

Diese Anpassung der körperlichen Reaktionen, unserer Physiologie, geht so schnell, dass wir oft erstaunt sind. Nur die autonome Funktionsweise ermöglicht es, dass du zum Beispiel dein Kind in Sekundenbruchteilen vor dem herannahenden Auto zurückziehst. Würde deine Reaktion den Umweg über das denkende Hirn (den Neokortex, deine „grauen Zellen“) machen, würde das viel zu lange dauern.

Bewirkt die Neurozeption, dass eine Situation als gefährlich oder lebensgefährlich bewertet wird, schlägt das System – genauer gesagt, die Amygdala – Alarm über die

  • Alarmhöhe: die Situation ist sicher – gerade noch ausreichend sicher – gefährlich – lebensgefährlich
  • Alarmkategorie: Ertrinken, Vergiftung, Angriff, Grenzüberschreitung, Bedrohung usw.
  • und veranlasst je nachdem über das sympathische oder parasympathische Nervensystem eine angemessene Reaktion.
  • Das heißt, es reguliert Herzschlag und Atmung, Hormonhaushalt, Muskelspannung, Verdauung, Gesichtsausdruck, Stimme und Hören.

Welche Überlebensimpulse gibt es?

Menschen überleben, indem sie einerseits mit anderen, friedlich gesinnten Menschen Gemeinschaften bilden und sich andererseits bei Gefahr verteidigen. Außerdem ist es überlebenswichtig, mit den eigenen Ressourcen zu haushalten.

Je nach Alarmhöhe, Alarmkategorie und eigenen Erfahrungen veranlasst das autonome Nervensystem unterschiedliche Überlebensimpulse.

An erster Stelle ist hier die Zuflucht zu nennen. Der Mensch sucht Sicherheit bei einer anderen Person, die ihm bislang erfahrungsgemäß geschützt hat.

Beispiele:

  • Du kennst das von der Eingewöhnung in der Krippe. Immer wieder kehrt dein Kind zu dir, zum sicheren Hafen in der fremden Umgebung zurück.
  • Dein Kind ist auf dem hohen Klettergerüst und weiß nicht, wie es wieder herunterkommen kann. Was macht es? Es ruft: „Mama!“

Bei hoher Aktivierung mit Angst interpretiert das Nervensystem das als Stress und Gefahr und führt eine Kampf- oder Fluchtreaktion herbei.

Beispiele:

  • Dein Kind fühlt sich von den vielen Kindern im Sandkasten bedrängt und verteidigt seinen Raum, indem es Sand um sich wirft.
  • Ihr hattet eine Meinungsverschiedenheit, dein Kind ist wütend, weiß aber schon, dass es dich nicht hauen darf. Es rennt in sein Zimmer und knallt die Tür zu.

Ist die Bedrohung groß und die eigenen Kräfte zu gering für Kampf oder Flucht, ist Unterwerfung eine für den Augenblick sinnvolle Überlebensstrategie.

Beispiele:

  • Dein Kind steht auf dem Heimweg einer Horde älterer, angriffslustiger Kinder gegenüber.
  • Auf die Drohung „Sonst bist du nicht mehr mein Freund … “ tut das Kind, was das andere verlangt.

Ist die Gefahr noch größer, kann es auch zu Erstarren oder Kollaps kommen. Das schützt den Körper vor der langanhaltenden Überlastung durch Kampf oder Flucht und spart Ressourcen. Es ist gewissermaßen eine Flucht ins Innere, der Mensch bleibt jedoch in der Gefahrenzone.

Beispiele:

  • Eine Schockstarre nach einem traumatischen Ereignis.
  • Bei langanhaltendem Erleben von Unsicherheit in der Bindungsbeziehung

Manchmal ist das denkende Hirn außer Betrieb

Ein wichtiger Teil im zentralen Nervensystem ist unser Limbisches System. Es ist für die Verarbeitung von Emotionen, Triebverhalten, Antrieb, Gedächtnis und Verdauung zuständig. Unsere Impulse und unwillkürlichen Reaktionen werden von hier aus gesteuert. Auch die Amygdala, unser Angstzentrum, finden wir dort. Das Limbische System ist schon von Geburt an funktionstüchtig.

Unser denkendes Hirn (Neokortex) ist für das rationale Denken, Wahrnehmung, Sprache, Reflexion, Problemlösung und bewusstes Planen zuständig. Es wird in den ersten Lebensjahren „gebaut“, im Teenageralter umstrukturiert und entwickelt sich bis zum Alter von Mitte zwanzig.

Diese lange Entwicklungszeit ist also ein Grund, dass wir von Kindern noch nicht erwarten dürfen, dass sie ihre Emotionen und Impulse im Griff haben und reflektiert überlegen, ob das Werfen mit dem Sand nun klug sei oder Folgen haben könnte.

Der zweite Grund, dass das denkende Hirn manchmal außer Betrieb ist, liegt in der Amygdala: Wenn das Angstzentrum die Regie übernimmt, schaltet sie einfach das denkende Hirn ab. Der Neokortex geht sozusagen „offline“. In echten Gefahrensituationen ist das sinnvoll, denn der Körper muss in Höchstgeschwindigkeit reagieren.

Grafik Handmodell Neokortex online oder offline
Wenn die Amygdala die Regie übernimmt, geht der Neokortex offline.

Doch manchmal, und gerade bei Kindern scheint das häufig der Fall zu sein, übertreibt es die Amygdala gewissermaßen und bewertet auch alltägliche Situationen als gefährlich. Anstatt in Kooperation mit dem Hippocampus (einem anderen Teil des Limbischen Systems) zu prüfen, ob die Situation wirklich im Hier und Jetzt gefährlich ist, schlägt die Amygdala einfach ungeprüft Fehlalarm.

Beispiel:

Dann scheint für das Kind die Tatsache, dass die große Schwester den letzten Muffin gegessen hat, wie eine lebensbedrohliche Situation („Dieser Muffin hätte meinen lebensbedrohlichen Hunger stillen können und jetzt ist er weg!“) und es kann zu wütendem Schreien und um sich schlagen führen.

PS: Ehrlich gesagt, macht die Amygdala ihre Aufgabe ziemlich gut. Lieber mal zu oft Fehlalarm als tot, oder?

Warum es eine Weile dauert, bis das denkende Hirn wieder in Betrieb ist

Hat die Amygdala den Alarm gegeben und damit eine Stressreaktion in Gang gesetzt, geschehen verschiedene Dinge im Körper. Über das sympathische Nervensystem gelangt die Information „Gefahr“ zum Mark der Nebenniere. Dort werden die sogenannten Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Sie erhöhen zum Beispiel den Blutdruck und die Muskelspannung. Das ist der schnelle Weg. Dauert der Stress länger an, gibt es noch einen weiteren Prozess, der die Ausschüttung des Stresshormons Kortisol veranlasst. In einem Artikel der Techniker Krankenkasse findest du das verständlich erklärt.

Adrenalin wird innerhalb weniger Minuten wieder abgebaut. Sofern kein weiterer Stressfaktor folgt, sollte also nach sieben bis zehn Minuten die Hormonwelle abgeflaut sein. Dann kannst du das denkende Hirn deines Kindes wieder erreichen.

Bis dahin allerdings kannst du dir eines sparen: „Jetzt beruhige dich doch mal!“

Das Kind kann sich nicht selbst beruhigen, denn es kann seine Fähigkeiten zum Denken gerade nicht erreichen. Und es kann auch nicht willentlich seinen Herzschlag, seine Atmung, seine Bewegungsimpulse oder seine Emotion kontrollieren.

Was kannst du jetzt mit diesem Wissen anfangen?

Grafik sicherer Hafen: Eltern können damit dem kindlichen Nervensystem Orientierung geben
Wenn dein Kind dem Boot entspricht …
  1. Es ist doch schon mal ganz hilfreich zu wissen, dass dein Kind so wie alle anderen Kinder (und Menschen generell) funktioniert und sein Verhalten erklärbar ist.
  2. Flippt dein Kind aus, hat die Amygdala wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen Alarm geschlagen. Du kannst der sichere Hafen für dein Kind sein. Natürlich kommt es auf die Situation und das Alter deines Kindes an, was hier helfen kann: in den Arm nehmen, trösten, ablenken, Bewegung, etwas vor dich hinsingen oder -summen, gemeinsam kräftig auspusten. Vielleicht will dein Kind auch in Ruhe gelassen werden. Bleib in der Nähe und sichere ihm dies zu. Dein Kind braucht Ko-Regulation. Darüber werde ich demnächst einen eigenen Artikel schreiben.
  3. Nach etwa zehn Minuten könnt ihr auch darüber sprechen. Sollte das die Situation gerade nicht zulassen, ist es auch zu einem späteren Zeitpunkt möglich. Es ist hilfreich, das dann anzukündigen. Redet über die Gefühle, Bedürfnisse und Impulse des Kindes. Leite es an, sich selbst besser kennenzulernen und Empathie für andere zu empfinden.
  4. Je nach Alter des Kindes könnt ihr auch die stressigen Faktoren gemeinsam herausfinden und überlegen, wie ihr künftig anders damit umgehen könnt.
  5. Was für dein Kind gilt, ist auch für dich relevant. Das Nervensystem von Eltern funktioniert genauso wie das Nervensystem von Kindern. Kennst du deine Stressreaktionen? Und weißt du, wie du damit umgehen kannst?
Nur wenn wir selbst gut stehen, können wir andere gut halten.

Weiterführende Informationen und Unterstützung:

2 Kommentare

  1. Liebe Heike,
    ich freue mich über diesen kurzen und klaren Einblick in das Thema. Wir haben bereits an den Akademietagen in Fürth darüber gesprochen. Es war schön, uns dort einmal wieder „live“ zu sehen und ich habe die Tage genossen. So sende ich dir nun einen herzlichen Gruss und wünsche dir weiterhin gutes Gelingen bei deinem heilbringenden Wirken.
    Ein grosses Lob spreche ich dir aus für deinen übersichtlichen und klaren Webauftritt, in den ich per Newsletter immer wieder gerne schaue!
    Liebe Grüsse sendet dir Mechthild

    1. Liebe Mechthild,
      ich danke dir herzlich für deine wertschätzende Rückmeldung. Es ist wohltuend und ich nehme es gerne an. Obwohl deine Jungs schon groß sind, wirst du sicherlich vom Wissen über das Nervensystem profitieren und darüber hinaus Zusammenhänge zum Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationskonzept herstellen können. Ich grüße dich herzlich
      Heike

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