„Ich habe versagt, wenn mein Kind schlecht entwickelt ist.“ – Stimmt das wirklich?

verzweifelte Frau am Tisch

Als Heilpädagogin begegne ich Eltern in unterschiedlichen Stadien des Umgangs mit einer Behinderung, Entwicklungsstörung oder Auffälligkeit ihres Kindes. Egal wo die Eltern stehen – vielen ist gemeinsam, dass sie die Schuld bei sich suchen „Ich habe versagt, wenn mein Kind schlecht entwickelt ist.“ Doch stimmt das wirklich?

Manche versuchen, die Auffälligkeiten zu ignorieren und gehen auf Tauchstation. Andere legen einen enormen Aktionismus an den Tag und reißen sich beinahe ein Bein aus, um das Kind bestmöglich zu fördern. Zwischen diesen beiden Polen gibt es ein breites Spektrum an Verhaltensweisen.

Woher kommen diese Verhaltensweisen?

Jeder von uns bringt negative Glaubenssätze mit, die in der eigenen Kindheit geprägt wurden. Sie lauten zum Beispiel:

  • Ich muss perfekt sein.
  • Ich muss alles unter Kontrolle haben.
  • Ich bin schlecht.
  • Ich darf nicht genießen.
  • Ich darf nicht auffallen.

Das ist nur eine kleine Auswahl. Doch vielleicht erkennst du dich schon in einer für dich typischen Denkfalle. Wenn du nun als Mutter oder Vater eines Kindes mit Handicap auch noch vor besonderen Herausforderungen stehst, laufen deine seit Jahren eingeübten Denkmuster zu Höchstform auf.

Glaube nicht alles, was du denkst! Es lohnt sich für dich und für dein Kind, diese Denkfallen einmal genauer anzuschauen. Dafür empfehle ich dir das Buch von Stefanie Stahl Das Kind in dir muss Heimat finden. Mit einer intensiven Auseinandersetzung mit deinen eigenen Themen und Mustern kann es dir gelingen, deine Beziehungen und dein Leben konstruktiv neu zu gestalten.

Ist das wirklich wahr? Hast du versagt?

Du kannst natürlich nun alle möglichen Zeitpunkte der bisherigen Entwicklung deines Kindes in Gedanken, Gesprächen oder Unterlagen durchforsten. Vielleicht machst du dir Sorgen, ob es der eine oder andere Drink zu viel war, als du noch gar nicht wusstest, dass du schwanger bist. Möglicherweise hättest du doch auf den Rat der Frauenärztin/ Freundin/ Hebamme hören sollen und dich für oder gegen den Kaiserschnitt oder was auch immer entscheiden sollen. Eventuell hättest du im 2./ 4./ 7./ 15. Lebensmonat schon dies oder das beobachten können oder unternehmen sollen.

Über eines bin ich sicher: Du hast nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Alle (werdenden) Mütter tun, was sie können, um dem Nachwuchs den bestmöglichen Start mitzugeben. Wenn du etwas nicht tun konntest, dann konntest du es eben zu diesem Zeitpunkt nicht. Punkt.

Wer ist dann schuld?

Wir können aus Erfahrung sagen: In der Regel ist niemand schuld. Natürlich gibt es Fälle, wo eine Ärztin zu spät kam, ein Sauerstoffmangel oder eine Stoffwechselstörung spät erkannt wurden. Manchmal bist du einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Doch: Das ist das Leben. Und das Leben ist immer lebensgefährlich. Wem nützt es, einer Ärztin Schuld zu geben, die vielleicht im Stau stand, gerade einem anderen Patienten half oder einfach mal auf der Toilette war.

Das Leben gibt uns Aufgaben, Herausforderungen, Päckchen zu tragen. Manchmal sind sie groß und schwer. Meist gelingt es gemeinsam mit anderen, sie besser zu tragen. Anstatt also die Schuld bei dir oder anderen zu suchen: Übernimm die Verantwortung für das Jetzt!

Es gibt eine typische Reihenfolge für die Verarbeitung von Krisen

Erika Schuchhardt hat ein Modell entwickelt, das aufzeigt, wie Krisen in der Regel verarbeitet werden. Sie nennt es „Lebenskrisen – Lebenschancen – Unterwegs zu Frieden und Glück durch den Lebensspiralweg der Krisenverarbeitung„. Auch die Auseinandersetzung und der Umgang mit einer Behinderung oder Entwicklungsstörung wird als solche psychische Herausforderung oder Krise gewertet. Das Modell verläuft spiralförmig und sie geht davon aus, dass der Umgang mit der Krise ein Lernprozess ist.

Das sind die 8 Schritte des Krisenverarbeitungsmodells:

  1. Ungewissheit (Was ist eigentlich los …?)
  2. Gewissheit (Ja, aber das kann doch nicht sein …?)
  3. Aggression (Warum gerade ich …?)
  4. Verhandlung (Wenn, … dann muss aber … ?)
  5. Depression (Wozu …, alles ist sinnlos?)
  6. Annahme (Ich erkenne jetzt erst …!)
  7. Aktivität (Ich tue das …!)
  8. Solidarität (Wir handeln …!)

Du kannst diesen Weg allein beschreiten, oder du findest eine Begleitung für dich.

Finde heraus, wo du jetzt stehst!

  • Was sind deine typischen Denkmuster?
  • Welche Strategien kannst du lernen oder anwenden, um künftig anders mit dem Handicap deines Kindes umzugehen?
  • Welche Gefühle sind aktuell bei dir im Hinblick auf das Handicap deines Kindes im Vordergrund?
  • Was wünschst du dir für dein Kind?
  • Welche Bedürfnisse deines Kindes sind gerade am wichtigsten?
  • Bei wem ist der Leidensdruck hoch, sodass ihr Unterstützung braucht?
  • Was ist der nächste kleine, winzige Schritt, um aus dem Modus „Ich habe versagt“ herauszukommen?

Mit diesen sprachlichen Alternativen kannst du neu beginnen

Als Sprach- und Kommunikationstrainerin höre ich Eltern immer auch genau zu, mit welchen Worten und Redewendung sie etwas beschreiben. Wir wissen, dass unser Seelenzustand oder körperliche Krankheiten sich in unserer Sprache ausdrücken. Genauso können wir umgekehrt auch mit unserer Sprache beginnen, auf unsere Psyche oder unsere Gesundheit einwirken.

Hier sind einige neue Formulierungen, sozusagen ein neuer Text für deinen Umgang mit dem Handicap deines Kindes:

  • „Ich tue, was ich kann.“
  • „Mein Kind wird seinen eigenen Platz im Leben finden.“
  • „Für heute habe ich genug getan.“
  • „Gut ist gut genug.“
  • „Ich liebe mein Kind so wie es ist.“
  • „Jeder Tag gibt uns neue Chancen, etwas zu lernen.“
  • „Im Mittelpunkt stehen unsere Beziehungen und unser Wohlbefinden.“
Heike Brandl

Wenn andere dir das Gefühl geben, versagt zu haben

Gerade in der Öffentlichkeit, beim Einkaufen, am Spielplatz oder bei einem unsensiblen Arzt, kommt es leider oft vor, dass Eltern von Kindern mit Behinderung oder Entwicklungsstörung einen doofen Kommentar zu hören bekommen.

Mit Sicherheit kannst du dir nicht alles vorstellen, was an Sprüchen kommen könnte. Doch ist es hilfreich, ein paar Standard-Antworten in petto zu haben. Denn unter Stress wird dir garantiert nichts Vernünftiges in den Sinn kommen. Überlege dir mit deinem Partner oder deiner Partnerin, einem Freund oder der Heilpädagogin deines Vertrauens, was angemessen, klar und dennoch freundlich sein kann. Freundlich? Ja, freundlich. Sicher willst du anders wirken, als der oder die mit dem blöden Spruch. Ich gebe dir zwei Beispiele:

Beispiel 1:

Du bist mit deinem Sohn Jan zur U8 beim Kinderarzt. Jan ist unruhig und hüpft und klettert überall umher. Als der Arzt die körperliche Untersuchung beginnen will, wehrt er sich und schreit. Arzt: „Der ist ja vollkommen gestört, das ist ja unmöglich. Melden Sie ihn gleich in der Förderschule an!“ Ja, das gibt es. Gruselig. Ich kann verstehen, dass du am liebsten den Arzt wechseln würdest. Doch manchmal ist das schwierig.

Was also tun? Du kannst freundlich, aber bestimmt sagen:
„Stopp, Herr Dr. Müller (sprich ihn unbedingt namentlich an, damit erreichst du seine Aufmerksamkeit) ich sehe, dass Sie Jan gerade nicht untersuchen können. Das ist jetzt für uns alle eine unangenehme Situation. Ich glaube, das lange Warten hat Jan gestresst und er spürt Hektik und Unsicherheit. Mich verletzt in erster Linie jedoch Ihre Ausdrucksweise und ich bitte Sie, vor dem Kind wohlwollender zu sprechen. Lassen Sie uns schauen, wobei er kooperieren kann und für die weiteren Untersuchungen einen Termin am frühen Morgen vereinbaren.“

Beispiel 2:

Du bist mit deiner dreijährigen Tochter Nina im Supermarkt und sie wirft sich schreiend auf den Boden. Nina ist autistisch. Kundin: „So was Ungezogenes, der würde ich mal den Hintern versohlen!“

Was kannst du sagen? Bleibe freundlich und bestimmt:
„Ich weiß, was meine Tochter jetzt braucht, und das ist in erster Linie Ruhe und meine Zuwendung. Bitte gehen Sie einfach weiter.“ Je nach deiner Tagesform kannst du auch aufklären: „Meine Tochter ist autistisch. Sie kommt mit den vielen Reizen hier, dem Licht, der Musik und vielen Menschen schwer zurecht. Es lässt sich aber nicht immer vermeiden und daher üben wir es.“

Es stimmt also nicht, dass du versagt hast, wenn dein Kind „schlecht“ entwickelt ist. Falls du jedoch in deiner Reflexion oder dem Umgang mit der Behinderung, Verhaltensweisen deines Kindes oder der Umwelt mit deinem Kind allein nicht weiter kommst, dann melde dich bei mir. Für diese Fälle ist Eltern-Coaching genau das Richtige.

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