Mein Weg in die Selbständigkeit

Heike Brandl

23 Jahre ist es nun her, dass wir 1998 nach Lohr am Main gezogen sind – und ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich mich 6 Jahre später selbständig machen würde.

Der Start nach der Familienzeit

Mit einem einjährigen Sohn und ein Jahr später mit einer Tochter wollte ich mich erstmal auf die Familie fokussieren, die Zeit mit den Kindern genießen und Anschluss am neuen Lebensmittelpunkt finden. Als dann unsere Tochter einen Kita-Platz in Aussicht hatte, begann es innerlich bei mir zu kribbeln. Mir war klar, dass ich raus musste, Kontakte, Bestätigung, Leben um mich brauchte.

Da die Kitas in diesen Jahren noch sehr eingeschränkte Betreuungszeiten hatten und Omas in weiter Ferne waren, holten wir uns ein Au-pair ins Haus. So konnten wir eine gute Betreuung der Kinder sicherstellen.

Als Heilpädagogin bewarb ich mich zunächst bei der Lebenshilfe vor Ort und hatte am nächsten Tag einen Anruf: Vorstellungsgespräch, Notfall-Einsatz in einer Förderschule – davon hatte ich zwar keine Ahnung (ich war im vor den Kindern in einem Heilpädagogischen Fachdienst für Kindergärten, im Wohnbereich und in der Wohnbereichsleitung von Behindertenwohnheimen tätig) – aber auch keine Scheu. Wer wagt, gewinnt.

Fünf Monate, die mich Improvisation, Geduld und Klarheit gelehrt haben.

Am Ende des Schuljahres wurde die Stelle wieder regulär besetzt und ich bekam vom selben Träger ein Angebot in der Frühförderstelle. Das war eine Arbeit, die mir mit den Kindern und Eltern viel Freude bereitete, der Austausch im Team war fruchtbar, doch die Zusammenarbeit mit der Verwaltung war umständlich und zäh. Mein befristeter Vertrag konnte aus finanziellen Gründen nicht verlängert werden und so war ich erstmal arbeitslos. Was tun?

Ein Jahr, das mich Fachwissen, Gesprächsführung und Organisation gelehrt hat.

Der Beginn meiner freiberuflichen Arbeit

Bewerbungen führten erstmal nicht weiter, der ländliche Raum gab wenig her. Nach einigen Monaten kam die Anfrage einer Mutter: Ich hatte ihr Kind in der Frühförderung betreut, nun sollte die Kleine in den Kindergarten kommen, sie brauchte eine Integrationsfachkraft. Ob ich das machen wollte und könnte?

Einzelintegration steckte in Bayern damals auch noch in den Kinderschuhen. Organisiert war wenig. Also: Selbständig? Wer wagt, gewinnt.

Kinder in der Kita beim Bemalen eines Pappmachee-Objekts
Kinder in der Kita beim gemeinsamen Bemalen eines Objekts – Inklusion im Prozess

Und: wenn schon, dann richtig. Damals gab es gerade die „Ich-AG“-Förderung vom Arbeitsamt, samt einer Schulung zu den Themen, die damit verbunden sind. Als freiberufliche Heilpädagogin lernte ich also nun Buchführung, Marketing und Kundengewinnung. Ab 2004 betreute ich zunächst Kinder in der Einzelintegration in Kitas im Landkreis, bald kamen Anfragen zur häuslichen Frühförderung hinzu. Nach kurzer Zeit richtete ich mir einen eigenen Praxisraum im Haus ein.

Bei all diesen Kindern mit Handicap – Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten, Behinderungen – geht es mir darum, die Kinder sowie ihre Eltern und Erzieher:innen auf ihrem Weg zu begleiten.

Frühförderungen und Einzelintegrationen werden vom Kostenträger in der Regel für ein Jahr gewährt. Manchmal gibt es Verlängerungen, oft entwickeln sich die Kinder gut und wir können eine Maßnahme beenden. Die Kinder kommen in die Schule oder in eine andere Einrichtung, dann endet die Maßnahme auch. Es gab Jahre, da fragte ich mich im Juni, ob ich wohl im September noch Kinder betreuen würde. Doch am Ende ging es immer weiter und die Kinder sind ja da. Die Eltern bzw. die Kitas müssen nur erfahren, dass es mich gibt.

Sechs Jahre, die mich Selbstorganisation, Strukturierung und Durchhaltevermögen gelehrt haben.

Kind spielt im Kaufladen mit Holz-Karotten
Ein Kind spielt in meiner heilpädagogischen Praxis im Kaufladen

Der Anfang als Dozentin

Gleichzeitig war es mir in diesen Jahren ein Anliegen mich selbst stets weiterzubilden: Bewegungsorientierte Frühförderung, Bindungsbasierte Beratung und Therapie, Kinder psychisch kranker Eltern, Heilpädagogische Diagnostik, Sprachförderung … und vieles mehr.

2010 entschloss ich mich, mein Wissen an Erzieher:innen weiterzugeben. Fortbildungen zu heilpädagogischen Themen über Verbände und Inhouse-Schulungen in Kitas waren mein Programm. Und anfangs war ich ziemlich aufgeregt.

Ich beobachtete sowohl in der Einzelintegration als auch bei Fortbildungen in den verschiedenen Kitas, dass es oft Reibereien im Team gab, Missverständnisse und Unzufriedenheit der Mitarbeiter:innen. Das lag nicht am Fachwissen, sondern an der Kommunikation im Team und/oder der Führungskraft. Doch das war nicht mein Auftrag.

Fünf Jahre, die mich Aufmerksamkeit, Selbstsicherheit und die Fähigkeit zu präsentieren gelehrt haben.

Heike Brandl (2.v.r.) in einer Kita-Fortbildung
Heike Brandl (2.v.r.) in einer Kita-Fortbildung

Eine gute Ergänzung: Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationstrainerin

Doch war mir das noch nicht genug. Ein Quantensprung war für mich die Weiterbildung als LINGVA ETERNA Sprach- und Kommunikationstrainerin. Ich erkannte, dass die drei Säulen dieses Sprach- und Kommunikationskonzepts – Präsenz, Klarheit und Wertschätzung – eine Menge mit meinem beruflichen und privaten Leben zu tun haben.

Sowohl als Heilpädagogin als auch als Sprach- und Kommunikationstrainerin sind sie die tragenden Elemente in den Beziehungen zu Kindern, Eltern, Erzieher:innen, Coachees und Teilnehmer:innen in Seminaren. In jeder beruflichen Situation ist es für mich elementar, mit meiner ganzen Persönlichkeit präsent zu sein, meine Botschaften klar zu kommunizieren und die beteiligten Menschen wertzuschätzen.

Seit 2016 bin ich nun also auch als Sprach- und Kommunikationstrainerin aktiv. Angefangen von VHS Kursen und Selbsthilfegruppen, Workshops oder Fortbildungen für Schulen, Kitas und Firmen, Coaching für Fach- und Führungskräfte ist nun ein zweites Standbein gewachsen.

Vier Jahre, die mich Angebote schreiben, Kooperationen bilden und Wahrhaftigkeit gelehrt haben.

Heike Brandl in einem Eltern-Workshop
Hier bin ich bei einem Eltern-Workshop

Neue Wege: Online arbeiten

Im Corona-Jahr 2020 begann ich, voller gespannter Neugier sowohl Coaching als auch Workshops online anzubieten. Und 2021 kam nun das Bloggen dazu. Meine Webseite wächst und gedeiht, indem ich nahezu wöchentlich einen Artikel schreibe. Blogartikel sind allerdings kein Selbstzweck. Sie dienen in erster Linie dazu mich als Mensch, Heilpädagogin und Trainerin für meine Kund:innen und Klient:innen nahbarer zu machen und meine Kompetenzen zu vermitteln. Dazu sollen sie nicht nur auf der Webseite, sondern auch über Newsletter und soziale Medien in die Welt.

Eine Weiterbildung bei Judith Peters, Blogging-Queen und Kopf von „The Content Society“ macht dies möglich. Gemeinsam mit vielen anderen Solo-Preneurinnen bin ich unterwegs in der digitalen Welt. Ich bekomme von Fachfrauen unterschiedlichster Art Antworten auf Fragen und ich könnte eine schier unendliche Anzahl von interessanten und nützlichen Artikeln lesen.

Heike Brandl
Bei einer Online-Fortbildung im Büro

Eineinhalb Jahre, die mich gelehrt haben zu bloggen, Tools und Medien zu nutzen und den Wert einer großen Gemeinschaft zu schätzen.

Und das ist heute meine Vision: Menschen kommunizieren in Familie und Beruf klar und wertschätzend miteinander. 

Die Geschichte wird weitergehen. Mal sehen, was das Leben mich noch so lehrt.

Lebe als würdest du morgen sterben. Lerne als würdest du für immer leben.

Mahatma Ghandi

Dieser Artikel ist Teil der Blog-Parade von Michaela Schächner und entstand am 04.06.21 für meine frühere Website. Er wurde leicht überarbeitet

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Kategorisiert in Persönliches

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