Wenn das jüngere Kind eine Behinderung hat – Eine Mutter erzählt über die Geschwister

Interview Geschwister Behinderung

Vor einiger Zeit führte ich schon einmal ein Interview zum Thema „Geschwister behinderter Kinder“. Dabei war das Kind mit Behinderung älter. So entstand meine Idee, in einer Familie mit anderer Alterskonstellation einige Fragen zu stellen. Natalie und ihre Tochter Chiara waren bereit, mir diese Fragen zu beantworten. Welche Impulse können sie anderen Eltern für den Umgang mit Geschwistern behinderter oder entwicklungsverzögerter Kinder geben?

Natalie kenne ich aus einer Kita, in der ich im Rahmen der Einzelintegration tätig bin. Sie arbeitet dort seit vielen Jahren als Kinderpflegerin. Als sie einmal erzählte, dass ihr eigener Sohn eine Autismus-Spektrums-Störung hat, dachte ich gleich an ein Interview mit ihr. Natalie hat noch eine ältere Tochter.

Darüber hinaus finde ich die Perspektive spannend: Natalie hat Einblick in die Abläufe und Bedürfnisse einer Kita-Gruppe und gleichzeitig das Wissen und die Erfahrung als betroffene Mutter eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen. Das kann den Blick auch für andere Menschen weiten.

Mal sehen, ob das alles in ein Interview passt …

Was magst du meinen Leser:innen über deine Kinder erzählen?

Ich habe zwei Kinder. Meine Tochter Chiara ist 14 Jahre alt. Sie geht in die 9. Klasse. Chiara ist ein sehr selbstbewusstes und liebenswertes Mädchen. Sie spielt leidenschaftlich gerne Handball.

Unser Luca ist neun Jahre alt. Er geht in die 3. Klasse. Luca ist ein sehr fröhlicher und zufriedener Junge. Er ist sehr technisch und sprachlich begabt.

Was waren eure Herausforderungen als Familie, als dein Sohn klein war?

Ich denke, die Herausforderung lag bei uns darin zu erkennen, was unserem Luca fehlt und mit der Diagnose umzugehen.

Hattet ihr Unterstützung?

Vor allem gaben mein Mann und ich uns die Unterstützung. Obwohl ich sagen muss, dass er damit besser zurechtkam als ich. Natürlich standen die Familie und unsere Freunde an unserer Seite. Und natürlich die Erzieherinnen und Therapeuten, die uns immer ermutigt haben.

Wie siehst du rückblickend deine Mutterschaft, als beide jeweils unter drei Jahren waren? Wo siehst du Unterschiede?

Da gab es anfangs nicht so viele Unterschiede. Vielleicht ist man beim ersten Kind etwas vorsichtiger. Luca hatte sich anfangs ja altersgemäß entwickelt, außer dass er mit der Sprache „hintendran“ war

Gab es einen Unterschied darin, deine Mama-Liebe den beiden zu zeigen? War das sprachlich anders?

Als wir Diagnose dann bekamen, war das für mich echt ein Weltuntergang. Man googelt im Internet und liest dort, wie sich dein Kind im schlimmsten Fall entwickelt. Nicht falsch verstehen, ich liebe meinen Luca, aber ich war am Anfang wirklich sehr traurig.

Sprachlich hat sich das so weit unterschieden, dass ich mit Luca anfangs in sehr kurzen und sachlichen Sätzen sprechen musste, da sein Sprachverständnis nicht altersgemäß entwickelt war. Er mochte auch keine Bilderbücher und für Hörspiele konnte man ihn auch nicht begeistern.

Chiara hingegen liebte es Bilderbücher zu hören und im Alter von zwei hatte sie schon einen großen Wortschatz.

Was glaubst du, wann hat deine Tochter gemerkt, dass dein Sohn anders ist als andere Kinder?

Chiara hat ihren Bruder immer so behandelt, als hätte er keine Einschränkungen. Sie stritten und machten Quatsch zusammen.

Wir sind von Anfang an offen mit seinen Besonderheiten umgegangen. Der Begriff Autismus hörte sie erst später. Sie kam da eines Tages selbst mal auf mich zu und meinte, dass sie eine Serie schaue, in der ein autistischer Junge mitspielt, der sie an Luca erinnere. Daraufhin fragte ich sie wie das für sie ist, dass Luca auch eine Autismus-Spektrum-Störung hat.

Und sie antwortete: „Mama, mein Luca ist so gut wie er ist.“ Und damit hat sie auch recht.

Hatte oder hat sie aufgrund des Bruders Schwierigkeiten in der Schule oder mit anderen Jugendlichen?

Nein, Schwierigkeiten hat sie nicht, ihre Freundinnen finden Luca alle goldig und akzeptieren ihr so wie er ist.

Gab es zusätzliche Unterstützung (Gruppe für Geschwister? Begleit-Therapie? Eltern-Coaching?)

Eine Begleit-Therapie haben wir nicht besucht. Wir haben geschaut, dass Chiara nicht zu kurz kommt. Sie bei ihren Hobbys unterstützt und sind mit ihr im Gespräch geblieben.

Wie stellt deine Tochter ihren Bruder heute vor?

Chiara stellt ihren Bruder so vor: „Das ist mein kleiner Bruder Luca.“ Von seiner Behinderung erwähnt sie nichts. Ich denke, das ist nicht so vordergründig bei ihr.

Gibt es noch etwas, das du anderen Eltern behinderter oder entwicklungsverzögerter Kinder unbedingt mitgeben willst in Bezug auf die Geschwister?

Geht offen mit der Diagnose um, egal welche. Ich konnte das leider am Anfang nicht. Aber man bekommt viel mehr Verständnis und Mut zugesprochen, als man denkt.

Im Hinblick auf die Geschwister denke ich da genauso: sprecht das Thema offen an. Fragt, wie sie sich fühlen und was das mit ihnen macht. Ich denke aber, meist gehen die Geschwister natürlicher damit um, als wir denken. So war es zumindest bei uns.

Glaubst du, dass es für dich einen Unterschied in deiner Arbeit in der Kita macht, selbst ein Kind mit Behinderung zu haben? Wo reagierst du anders als Kolleg:innen ohne diese Erfahrung?

Ja, ich glaube, dass ich mit einem anderen Auge draufschaue. Vielleicht bin ich durch Luca sensibilisierter und kann mich in die Situation der Eltern und ihren Sorgen und Ängsten besser hineinversetzen

Liebe Natalie, ich danke dir für dieses offene und aufschlussreiche Interview und ich wünsche euch weiterhin einen guten Zusammenhalt in der Familie.


PS: Die Namen der Personen sind mit ihrem Einverständnis echt. Hingegen ist das Titelbild symbolisch und zeigt nicht die wahren Personen.

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