Ich sagte diesen Satz morgens regelmäßig zu meinen Kindern, wenn es Zeit für die Schule war. Meine frischeste Erinnerung daran ist der Versuch, meine Tochter, die ich zu Gymnasiums-Zeiten schon um 6.35 Uhr zum Zug brachte, im Bad damit zu beschleunigen: „Mach dich fertig, wir müssen los!“ Wahrscheinlich nutzte ich die Formulierung auch sonst ständig, um mit den Kindern rechtzeitig beim Klavierunterricht, beim Kieferorthopäden oder im Training zu sein.
In der Regel führte der Satz zu Stirnrunzeln, genervtem Murren, bestenfalls ein „Ich mach ja schon … “ und die Sache ging auch nicht schneller. Kurz – ich hätte ihn mir einfach sparen können.
Dieser Text ist der Beitrag zu meiner eigenen Blogparade „Dieser eine Satz in der Erziehung, den ich bereut habe – und was ich heute stattdessen sage“.
Warum ich dachte, dieser Satz wäre hilfreich in der Erziehung?
Fertig machen war für mich immer mit der Bedeutung „bereit machen“ für den nächsten Schritt oder Termin oder dem „abschließen“ einer Aufgabe oder Tätigkeit verbunden.
Ich wollte meiner Tochter oder meinem Sohn wohl die Dringlichkeit und Eile vermitteln. Als Mama hatte ich oft den Eindruck, dass die Kinder die Zeit nicht im Blick hatten. Und wahrscheinlich habe ich gar nicht weiter darüber nachgedacht, ob dieser Satz dabei hilfreich und sinnvoll wäre.
Wie mich meine eigene Erziehung auf Pünktlichkeit geprägt hat
Meinen Eltern war Pünktlichkeit ein hoher Wert. Ich war dazu erzogen worden, stets pünktlich zum Unterricht, zum Bus oder zu Terminen zu kommen. „Unpünktlichkeit gehört sich nicht, das macht man nicht, was sollen denn die Leute von einem denken …“, so erinnere ich meine Mutter. Die preußischen Tugenden hatten sich über die Generationen auch im ländlichen Bayern durchgesetzt.
Ich bin mir sicher, den Satz „Mach dich fertig!“ auch selbst als Kind und Jugendliche regelmäßig gehört zu haben. Allerdings fehlte meist das „Wir müssen los.“, denn es gab kaum Termine, wo meine Mutter mich begleitete. Zu Bus, Training oder Chor lief ich natürlich allein, wie das damals üblich war.
Wie ich bemerkte, dass mein „alter“ Satz nicht sinnvoll ist?
In einem meiner ersten Seminare meiner Ausbildung zur LINGVA ETERNA Sprach- und Kommunikationstrainerin gebrauchte ich selbst den Satz als typisches Beispiel für einen Satz mit „müssen“. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Ausbilderin Mechthild von Scheurl-Defersdorf damals zunächst das „Mach dich fertig.“ einfach wiederholte und bei mir wirken ließ.
Dabei ging mir plötzlich eine weitere Bedeutung des Satzes auf: „sich selbst fertigmachen“ im Sinne von: sich selbst für etwas verurteilen, abwerten, nieder machen.
Uff. Das war ein ziemlicher Brocken für mich.
Das hatte ich zu meinen Kindern jahrelang gesagt? Ich schämte mich in Grund und Boden.
Im Nachgang war es noch erstaunlich, dass die Kinder „nur“ mit Murren reagiert hatten. Sicher spürten sie die mitschwingende Bedeutung.
Ich lernte in diesem Seminar auch den Effekt von vielen „müssen“ in der Sprache kennen. Wieviel Druck und Hetze sie vermitteln, welche unangenehmen Körperempfindungen damit verbunden sein können und dass mir als Sprecherin damit nicht nur Gelassenheit, sondern auch Souveränität völlig fehlt.
Und das sagte ich nach diesem Seminar
„Maximilian, in fünf Minuten ist es Zeit zu gehen. Hast du alles, was du brauchst?“
Klar, wichtig war natürlich zuerst das Kind mit dem Namen anzusprechen, die Aufmerksamkeit auf mich auszurichten und ihm mit einer minimalen Pause Zeit zum Fokus zu geben. Dafür nutzte ich die 3 A (Ansprechen, Anschauen, Atmen).
Dann folgte eine Information. Der Rahmen, um den es gerade geht. Das ist einer der wichtigen Schritte im LINGVA ETERNA Kommunikationsmodell.
Und anschließend folgte die Frage, um das Kind in die richtige Richtung des Handelns zu lenken. Je nach Situation unterstützte ich dann noch mit einer Folgefrage oder praktischer Hilfe.
Was hat das bewirkt?
Durch die Überlegung, beide Satzteile wegzulassen, entstand etwas völlig Neues.
Natürlich gebrauchte ich „sich selbst fertigmachen“ so nicht mehr. Im Gegenteil, ich dachte daraufhin über weitere sprachliche Mittel nach, das Selbstwertgefühl von Kindern zu stärken.
Die neue Frage führte zum nächsten Schritt. Dadurch liegt Im wesentlichen die Verantwortung für die berühmten sieben Sachen beim Kind. Es lernt also, selbst mitzudenken, was es braucht und das entsprechend auch zu packen.
Der Druck des „müssens“ verschwand nebenbei.
Mit meiner Tochter sprach ich damals auch darüber. Sie war zu dem Zeitpunkt etwa 15 Jahre alt. So weit ich mich erinnere, bestätigte sie, wie nervig sie die alte Formulierung fand. Und sie erinnerte mich mit Vergnügen daran, wenn sie mir wieder mal herausrutschte.
Ich glaube, meine Kinder sind beide ziemlich selbstkritisch. Doch sie haben inzwischen auch einen gesunden Umgang mit schwierigen Umständen im Sinne von „Ich habe getan, was ich konnte.“
Was ich aus dieser Geschichte gelernt habe
Was hätte ich gerne schon alles früher über klare und wertschätzende Sprache in der Erziehung gewusst. Geht es dir auch so? Welche merkwürdigen Sätze hast du unreflektiert von dir gegeben? Und später bereut?
Schreib es mit einem Beitrag in meiner Blogparade „Dieser eine Satz in der Erziehung, den ich bereut habe – und was ich heute stattdessen sage“ Ich freue mich darauf, von dir zu lesen.




