Geschlossene Kitas, weil zu viele Mitarbeiterinnen krank sind? Warum sind eigentlich die Erzieher und Erzieherinnen so anfällig für die Viren? Kann es sein, dass der Stress etwas damit zu tun hat? Spoiler: Ja, Stress hat Auswirkungen auf das Immunsystem und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf den Krankenstand in deiner Kita.
In diesem Artikel geht es darum, wie das alles miteinander zusammenhängt und was du als Leiterin oder Träger-Verantwortlicher tun kannst.
Die Ursachen für hohen Krankenstand in der Kita
Wir haben sie alle schon häufig gelesen und erleben sie täglich in der Praxis:
- Die Arbeitsbedingungen in der Kita: große Gruppen bei gleichzeitigem Personalmangel, Dauer-Lärmpegel um 80 Dezibel (vgl. Nifbe), gleichzeitige Anforderungen durch Kinder, Eltern und Verwaltungsaufgaben, wenig Erholungsphasen im Dienst.
- Diese Arbeitsbedingungen wiederum wirken auf die Psyche:
- Pädagogische Fachkräfte sind durch die enge körperliche Nähe zu den Kindern mehr und häufiger Krankheitserregern ausgesetzt als andere Berufsgruppen.
- Sie kommen häufig trotz eigener Erkrankung zum Dienst, um die Betreuung sicherzustellen und Kolleg*innen nicht zusätzlich zu belasten (Präsentismus). Das wiederum verschlechtert die eigene Genesung sowie die Infektlage in der Kita.
Die Faktoren bedingen sich häufig gegenseitig und führen zu einer sich hochschaukelnden Situation.
Studien und Befragungen zeigen seit Jahren überdurchschnittliche Belastungen und häufige Erkrankungen im Erzieher*innenberuf. Die psychischen Belastungen haben in den letzten 10 Jahren erheblich zugenommen, was sich im Anteil der dem zugeordneten Krankheitstage wiederspiegelt. So stiegen die Arbeitsunfähigkeitstage in der Berufsgruppe aufgrund psychischer Diagnosen von 5,27 (insgesamt 21,02 AU-Tage) im Jahr 2014 auf 8 Tage (insgesamt 30, 77 AU-Tage) im Jahr 2024. (vgl. Barmer Gesundheitsreport 2025)
Genau das sehe ich in meiner Arbeit mit Kita-Teams häufig: Leiterinnen am Rand des Burnouts und Mitarbeiterinnen, die die Arbeitszeit reduzieren, weil sie vor lauter Stress sonst die Kinder anschreien. Wer hier von „Lifestyle-Teilzeit“ redet, hat keine Ahnung von der Realität in Kitas.
Wie Stress und Immunsystem zusammenwirken
Nehmen wir exemplarisch den Lärm: Studien weisen auf die Aktivierung des autonomen Nervensystems, die Ausschüttung von Stresshormonen und Änderungen im Herzkreislaufsystem als typische Folgen dauerhafter Lärmbelastung.
Die Funktionsweise des autonomen Nervensystems legt nahe, dass unsere Schaltzentrale für eine Gefahrenlagebewertung im Gehirn, die Amygdala, durch diese Aktivierung permanent Alarmstimmung verbreitet. Sie schüttet Hormone aus, die eigentlich das Überleben sichern sollen, zum Beispiel erhöht sie dadurch den Blutdruck und die Muskelspannung. So könnte der Körper im echten Notfall eine Bedrohung abwehren oder vor ihr fliehen.
Im beruflichen Alltag in der Kita sind jedoch weder Kampf noch Flucht gefragt, sondern möglichst freundliches, einfühlsames, kontrolliertes Verhalten und Funktionieren. So bleiben zum Beispiel die Muskelspannung und der hohe Blutdruck über den Tag erhalten. Und das fünfmal die Woche, über das ganze Jahr.
Es gibt inzwischen zahlreiche Belege für die Wirkungen von Stress auf das Immunsystem. Der Körper kommt mit kurz andauerndem, akuten Stress gut zurecht – eine kurz andauernde Aktivierung der Systeme ist sogar von Vorteil für die Immunfunktion. Danach fällt der Körper wieder in seine Ausgangssituation zurück, der gesunde Zustand ist wieder hergestellt.
Hingegen wirkt chronischer Stress hemmend auf auf Immunfunktion. Ist der Stressor dauernd vorhanden oder kommt in willkürlichen Abständen über längere Zeit, können die Systeme nicht in ihre Balance zurückkehren. (vgl. Pongratz 2021)
Nun haben wir in der Kita nicht nur den Faktor Lärm, sondern auch die weiteren oben genannten Faktoren. Eine Vielfach-Stressbelastung zu der dann noch die erhöhte Virus-Exposition kommt. Ein erhöhtes Erkrankungsrisiko ist also plausibel.
Was Leitung und Träger konkret tun können
Strukturelle Rahmenbedingungen verbessern
- Nutze den Gestaltungsspielraum für Personalschlüssel und Vertretungsregelungen so, dass Ausfälle nicht automatisch in Dauerüberlastung für das restliche Team münden.
- Plane Zeitfenster für Vor- und Nachbereitung, Team- und Fallbesprechungen realistisch, um Zeitdruck zu reduzieren.
Betriebliche Gesundheitsförderung gezielt nutzen
- Entwickelt ein Konzept für Gesundheitsprävention in der Kita (vgl. Unfallkasse NRW)
- Kooperiert mit Unfallkassen, Krankenkassen und weiteren Trägern, die Fortbildungen und Materialien für „Gesund arbeiten in der Kita“ anbieten.
Team- und Führungskultur als Gesundheitsfaktor
- Studien zeigen: Wertschätzender Umgang, gute Teamkultur und Unterstützung durch die Leitung werden als starke gesundheitsfördernde Faktoren erlebt.
- Klarer Umgang mit Krankheit (kein „Heldentum“, wenn man krank ist), offene Kommunikation über Belastungen, Beteiligung des Teams an Entscheidungen.
- Klare und wertschätzende Kommunikation im Team als Basis etablieren.
- Mit kollegialer Fallberatung Belastungen im Team systematisch angehen: 21 Themen, die du in einer kollegialen Fallberatung klären kannst.

Angebote zur Stressregulation und Resilienz
- Maßnahmen wie Stressregulations-Trainings, Supervision, Coaching oder Achtsamkeitsangebote können helfen, mit unvermeidbaren Belastungen besser umzugehen.
- Wichtig dabei ist: Diese Angebote ersetzen nicht die strukturellen Verbesserungen sondern ergänzen sie.
- In meinem Artikel Stress in der Kita reduzieren findest du einige Grundlagen zum Thema Regulation und Ideen zur Prävention.
All diese Punkte tragen dazu bei, die Stressbelastung zu reduzieren und die Gesundheit der Mitarbeiter*innen zu verbessern. Wertschätzung und Fürsorge sind darüberhinaus Faktoren für Arbeitszufriedenheit. Und diese wiederum ist doch die beste Werbung für Personal.
2025 fehlen in Deutschland ca. 125.000 Fachkräfte in den Kitas – da kann es einen wesentlichen Unterschied ausmachen, ob deine Kita sich um diese Themen kümmert. Mit gezielten Angeboten zur Stressregulation und Gesundheitsprävention kannst du offene Stellen leichter besetzen.
PS:
Gesellschaftliche und politische Aspekte sind natürlich ebenso wichtig: Von der gesellschaftlichen Anerkennung bis zum Tarifvertrag, von der Umsetzung wissenschaftlicher Empfehlungen (Personal-Kind-Schlüssel) bis zum Bildungsplan – auch da gibt es viel zu tun. Engagement in Gremien, Kita-Fachverbänden, Gewerkschaften ist eine Option, wählen gehen eine weitere.




